Limmattal
Eine Vorzeigepartnerschaft steht vor der Scheidung

Die Liebe zwischen der Halter AG und der Stadt Dietikon hat sich abgekühlt. Der Grund: Der Hunger nach Wachstum im Limmattal ist mehr oder weniger gestillt. Der Wochenkommentar von Jürg Krebs.

Jürg Krebs
Jürg Krebs
Drucken
Teilen
Der Boden unter der westlichen Hälfte des Rapidplatzes ist mit Tetrachlorethen verseucht. Harmlos, sagt die Halter AG, die den Platz loswerden will.

Der Boden unter der westlichen Hälfte des Rapidplatzes ist mit Tetrachlorethen verseucht. Harmlos, sagt die Halter AG, die den Platz loswerden will.

Eine von beiden Seiten stets als vorbildlich hochstilisierte Partnerschaft scheint gerade in die Brüche zu gehen: Die Halter AG liegt im Rechtsstreit mit der Stadt Dietikon.

Auf den ersten Blick geht es nur um ein Beziehungsproblem, darum, dass die Stadt ihr Versprechen nicht einhält, den westlichen Teil des Rapidplatzes und den Strassenraum im neuen Quartier Limmatfeld in ihr Eigentum zu übernehmen.

Der zweite Blick offenbart aber: Die Übernahmepflicht könnte ein Trennungsgrund sein. Unter dem Rapidplatz ist der Boden mit dem chemischen Stoff Tetrachlorethen verseucht. Deshalb will die Stadt nicht später mit einer millionenteuren Altlastensanierung konfrontiert werden. Zudem soll sie die Strassen ohne die angrenzenden Parkplätze übernehmen und damit nur Kosten aufgebrummt bekommen, ohne von Einnahmen profitieren zu können. Kein Wunder fordert die Stadt im ersten Fall Rechtssicherheit, im zweiten Fall eine Beteiligung.

Wie auch immer dieser Streit ausgehen mag, er verdeutlicht eine Zeitenwende. Die Partner haben sich auseinandergelebt. Die Firma Halter hat sich mit ihren Projekten von Zürich West bis Limmatfeld Dietikon in den letzten zehn, fünfzehn Jahren von einem lokalen Bauunternehmen zu einem Deutschschweizer Player in den Bereichen Areal- und Innenstadtentwicklung emporgekämpft.

In die gleiche Periode fällt das grosse Wachstum im Limmattal. Namentlich Schlieren und Dietikon waren geradezu süchtig danach, dass die alten Industriebrachen städtebaulich und imageträchtig wiederbelebt werden. Zwar ist Halter nicht der einzige Entwickler in der Region, doch die Firma hat sich wie keine zweite hervorgetan und zuletzt für ihre Ziele die Standortförderin des Bezirkshauptortes abgeworben.

Seit ein, zwei Jahren aber sind die Geschäftsinteressen von Halter und Dietikon sowie Schlieren nur noch bedingt deckungsgleich. Der Grund: Ein guter Teil der Bevölkerung ist der Veränderungen überdrüssig, während Halter weitermachen will wie bisher. Gleichzeitig erkennt die Region, dass die Entwicklung vorderhand mehr Kosten verursacht, denn Steuern bringt. Und schliesslich ist auch bei den Überbauungen nicht alles Gold, was glänzt. Deshalb hat die Firma in Dietikon an politischem Rückhalt verloren. Jetzt lassen die Partner sogar Juristen sprechen.

Wachstumshunger verspürt im Limmattal niemand mehr

Der Streit mit Dietikons Stadtrat ist nicht der einzige. Auch in Schlieren hängt der Haussegen schief, nachdem der Stadtrat Halters Pläne für eine mittelgrosse Eventhalle im Zentrum verworfen hat, respektive wegen dem Widerstand in der Bevölkerung verwerfen musste. Halter hat danach seinen Rückzug aus Schlieren verkündet. Wird die Public-Private-Partnership geschieden, bevor Halter sein letztes Ziel erreicht? Nämlich auch das über 40 Hektar grosse Gebiet Niderfeld in Dietikon entwickeln zu dürfen.

Dennoch: Das Limmattal scheint im Wesentlichen gebaut. Längst hat sich namentlich der Unternehmensteil Entwicklungen nach neuen Bräuten umgesehen. In der jüngsten Firmenpublikation «Komplex» erklärt dessen Geschäftsführer: «Die Bedeutung der Stadt und der Region Zürich wird für uns als Entwickler zugunsten von anderen Standorten in der Deutschschweiz abnehmen. Wir werden uns vermehrt auf Gemeinden und Regionen fokussieren, die noch über einen echten Wachstumshunger verfügen.» Das liegt in der Logik der Firma. Ihre Stärke ist die Geschwindigkeit, in der sie Trends erspäht, Projekte konzipiert und realisiert. Diese sind für den Zeitgeist, aber nicht für die Ewigkeit gedacht.

Wachstumshunger verspürt im Limmattal niemand mehr. Geblieben ist höchstens die Lust nach dem einen oder anderen Häppchen und der Wunsch nach Sicherung der Lebensqualität.

juerg.krebs@azmedien.ch