Analyse
Die Zeit des geruhsamen Alters ist vorbei

Eine Analyse zur Bedeutung der Dritten Lebensphase.

Jürg Krebs
Jürg Krebs
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Träumen wir nicht alle von der Pensionierung? (Themenbild).

Träumen wir nicht alle von der Pensionierung? (Themenbild).

Keystone

Ich freue mich auf meine Pensionierung. Fast sehnsüchtig, auch wenn sie noch rund 25 Jahre entfernt liegt. Damit kein Missverständnis aufkommt: Ich liebe den Journalismus, doch wie jede Arbeit unterliegt auch diese gewissen Zwängen. Die Pensionierung hingegen erscheint mir als goldene Lebenszeit ohne Alltagsfesseln, als Lebensphase, in der ich mich ohne Kompromisse frei entfalten kann. Träumen wir nicht alle davon?

Doch es braucht keine hellseherischen Fähigkeiten, um zu erkennen, dass dieser Traum in 25 Jahren kaum in Erfüllung gehen wird:

Die Idee eines fixen Rentenalters ist überholt. Sie entstammt einer Zeit mit tieferer Lebenserwartung. Die Pensionierung war damals Lebensabend und nicht wie heute die Morgenröte eines zweiten Frühlings.

Die Lebenserwartung steigt ständig. Das hängt mit dem medizinischen Fortschritt genauso zusammen wie mit dem Rückgang körperlicher Arbeit. Als Folge davon müssen immer weniger Erwerbstätige die AHV ihrer Elterngeneration finanzieren, und das auch noch länger. Das schafft Finanzierungsprobleme.

Für über 50-Jährige wird es immer schwerer, im Arbeitsprozess zu verbleiben und nicht aus Kostengründen aussortiert zu werden. Schliesslich wird die Automatisierung nochmals zunehmen, intelligentere Computer, Maschinen und Roboter werden den Menschen da und dort ersetzen: Kassiererinnen weichen bereits heute Self-Scanning-Stationen. Damit klafft eine Lücke zwischen dem Ausscheiden aus dem Erwerbsleben und dem gesetzlichen Rentenstart. Finanzielle, soziale wie gesundheitliche Folgen sind programmiert.

Der Tatendrang einer gesunden, erfahrenen Generation bleibt heute mit der Pensionierung gesellschaftlich weitgehend ungenutzt. Wir können uns diese Art der Ressourcen-Verschwendung angesichts der Entwicklung nicht leisten.

Es gibt Ideen. Die Denkfabrik Avenir Suisse forderte diese Woche, Senioren als Mittel gegen den Fachkräftemangel einzusetzen. Hintergrund ist ihre Studie, wonach von 57 Prozent der Mitarbeiter ab 60 die Bereitschaft besteht, über den Zeitpunkt der Pensionierung (Männer mit 65, Frauen mit 64 Jahren) hinaus zu arbeiten. Würde jeder Neurentner nur zwei Monate länger arbeiten, dann entspräche dies 5000 Vollstellen, die nicht anderweitig rekrutiert werden müssten. Im Falle von Ingenieuren oder Pflegerinnen etwa aus dem Ausland. Die Idee von Avenir Suisse kann bei der Umsetzung der Masseneinwanderungsinitiative helfen. Aber: Sie taugt nur als Massnahme gegen den Fachkräftemangel. Den Trend zu immer jüngeren Arbeitskräften kann auch sie nicht umkehren. Es ist allenfalls ein Tropfen auf den heissen Stein, wenn die Wirtschaft Senioren als Teilzeit- und Aushilfskräfte mit Erfahrung berücksichtigt.

Die Diskussion über eine Erhöhung oder Flexibilisierung des Rentenalters begreift das Thema ebenfalls nicht in seiner vollen Tragweite und damit nur ungenügend. Die Flexibilisierung trägt dem Bedürfnis nach einem individuelleren Zeitpunkt für die Pensionierung Rechnung, löst aber das Finanzierungsproblem nicht. Und die Erhöhung des Rentenalters könnte finanziell begründbar sein, aber das Problem der Lücke zwischen dem Ausscheiden aus dem Erwerbsleben und dem gesetzlichen Rentenstart noch verschärfen.

Neudefinition der Dritten Lebensphase

All das macht deutlich: Die sogenannte Dritte Lebensphase muss neu definiert werden. Das Lebens- und Gesellschaftsmodell «Ausbildung-Arbeit-Pensionierung» wird den eingangs beschriebenen Entwicklungen immer weniger gerecht. Und es ist politisch immer weniger tragbar, den Fachkräftemangel über die Zuwanderung zu lösen. Im Zentrum könnte ein neuer Gesellschaftsvertrag stehen, den die Erwerbstätigen mit den Ausgeschiedenen, aber noch Erwerbsfähigen eingehen. Können die Ersten das Einkommen aller sichern und die Zweiten dafür jenen Dienst an der Gemeinschaft übernehmen, der heute unter anderem durch Freiwilligenarbeit geleistet wird? Es wäre eine Win-win-Situation unter völlig neuen Vorzeichen und Rahmenbedingungen. Das rückt gesamtgesellschaftliche Konzepte in den Vordergrund. Und wir tun gut daran, den Dritten Lebensabschnitt nicht erst ab 65 zu definieren, sondern bereits ab 55.

Noch fehlt eine öffentliche Diskussion weitgehend. Doch für neue Gesamtlösungen brauchen wir nicht nur Ideen, sondern darüber hinaus einen gesellschaftlichen Konsens. Das braucht Zeit, viel Zeit. Wir tun gut daran, sie zu nutzen, bevor uns die ökonomische und demografische Entwicklung in eine gesellschaftliche Krise stürzt.