Wochenkommentar
Die Streichung der Bundesfeier gilt als Ketzerei – zu Unrecht

Der Wochenkommentar von Jürg Krebs, Chefredaktor der Limmattaler Zeitung, über den Entscheid von Bergdietikon, die offizielle 1.-August-Feier mangels Interesse ausfallen zu lassen.

Jürg Krebs
Jürg Krebs
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Nichts mehr zu feiern: Bergdietiker müssen künftig ohne offizielle 1.-August-Feier auskommen (Symbolbild).

Nichts mehr zu feiern: Bergdietiker müssen künftig ohne offizielle 1.-August-Feier auskommen (Symbolbild).

KEYSTONE

Der Gemeinderat von Bergdietikon hat einen bemerkenswerten Entscheid gefällt: Er streicht die offizielle Bundesfeier. Der Entscheid, den er diese Woche publik gemacht und mit mangelndem Interesse seitens der Bevölkerung begründet hat, kommt bei Patrioten einem Tabubruch gleich.

Auf www.limmattalerzeitung.ch wettert ein Kommentator: «Schämen würd’ ich mich!» Andere flüchten sich in Sarkasmus: «Eine Trauerfeier wäre die angebrachteste Art, diesen Gedenktag zu begehen», zu viel Freiheitswille sei verloren gegangen, es gebe nichts mehr, worauf man stolz sein könne in diesem Land. Ein Weiterer argwöhnt vielsagend, ob es nur um fehlendes Interesse seitens des Publikums gehe oder ob da nicht eine «Ideologie» alles Schweizerische «wegrasieren» wolle. Doch es gibt auch Applaus: «Hoffentlich findet das Nachahmer», schreibt einer und erinnert daran, dass eigentlich der 12. September 1848 gefeiert werden müsste, der Tag, an dem die moderne Schweiz entstand, der Bundesstaat.

Es bleibt nicht verborgen: Wenige besuchen die Feiern

Wer die letzten Jahre die Feierlichkeiten im Bezirk Dietikon besucht hat, dem blieb nicht verborgen, dass eher wenig Einwohner die offizielle Feier besuchen, nicht nur in Bergdietikon. Von Oetwil bis Oberengstringen, von Dietikon bis Aesch, überall ein ähnliches Bild.

Der allgemeine Eindruck ist: Es fehlt das Feuer der Begeisterung. Für die Gemeinden ist die Organisation der Feier eine Pflichterfüllung. Sie bemühen sich um eine ordentliche Feier für die kleine Schar der Aufrechten, die jeweils den Festplatz bevölkert. Die Suche nach einem willigen Redner kann den Verantwortlichen schlaflose Nächte bescheren. Immerhin: Irgendwann sind die Kinder und Jugendlichen mit dem Feuerwerk dran; leuchtet der Himmel, leuchten die Augen. Versuche, die lokale Bundesfeier mit speziellen Gastauftritten zum Beispiel von Kabarettisten aufzupeppen, kommen an. Doch auf Dauer funktioniert das nicht. Der 1. August ist kein Tag wie jeder andere, vor allem kein Anlass für eine Unterhaltungsshow. Der Nationalfeiertag bleibt immer der Nationalfeiertag – eine ernste Sache.

Am Ende des Tages ist vieles verkrampft

Über den Grund des Desinteresses an öffentlichen Bundesfeiern lässt sich nur spekulieren. Allzu häufig zeigt sich an den Feiern aber: Der rituelle Höhepunkt, die Rede, ist nur in Ausnahmefällen ein Feuerwerk an inspirierenden Gedanken. Die gerne heraufbeschworene Schweiz als Insel der Glückseligen gibt es nicht, hat es nie gegeben. Die patriotischen Beschwörungen von Unabhängigkeit und Freiheit wirken mehr als Durchhalteparolen denn als Lösungsansatz für drängende Probleme. Eigentlich ist die Schweiz ein pragmatisches Land, keine Traumfabrik.

Am Ende des Tages geschieht vieles in guter Absicht und wirkt dennoch verkrampft. Wem dies nicht behagt – und das sind offensichtlich viele –, der geniesst den freien Tag privat. Wie viel entspannter ist es da beispielsweise in der eigenen Gartenlaube. Eine duftende Cervelat auf dem Grill, das kühle Bier in der Hand und die lieben Freunde mit am Tisch, die von ihren neusten Heldentaten erzählen. Das alles geschieht durchaus im Bewusstsein, dass die Schweiz nicht nur ein schönes Land ist, sondern trotz allem eines mit enormer Lebensqualität.

Ist es im Übrigen nicht typisch schweizerisch, wenn sich die Bürger ihre Haltung zum eigenen Land im privaten Rahmen überlegen, als sich diese an offiziellen Feiern von oben herab diktieren zu lassen? Wenn der Gemeinderat von Bergdietikon die offizielle Bundesfeier abschafft, dann hat er gute Gründe. Schämen, braucht er sich jedenfalls nicht für seinen Entscheid.