Persönlich
Die Poesie des Fusses

Tobias Bolli
Tobias Bolli
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(Symbolbild)

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Keystone

Unter Aufbietung kolossaler Überwindungskräfte hatte ich mal wieder hierhergefunden: in den Tangokurs des Akademischen Sportvereins. Der Vorsatz: Meinem Kopf demonstrieren, dass da auch noch Beine sind – ein ganzer Körper, der statt jenen tyrannischen grauen Zellen beansprucht werden kann. Vielleicht könnte sich mir so ein ganz neues Lebensgefühl erschliessen – ein leichtes, luftiges, selbstvergessenes.

Schon die ersten Schritte liessen freilich wenig Rausch aufkommen. Mehr einem preussischen Offizier gleichend, zackig ausschreitend und quadratisch in der Bewegung, versuchte ich eine Figur zu mimen. Meine Tanzpartnerin musste bald bemerken, dass damit mein «Repertoire» auch schon ausgeschöpft war. Hin- und hergezogen, bisweilen auch mir unter die
Hufe geratend, begann sie mit einem Lächeln zu protestieren. «Es stimmt da etwas nicht», sagte sie nun, und ihr Lächeln wurde von Schritt zu Schritt gequälter.

Nach einem versuchten tänzerischen Befreiungsschlag – der sich einem objektiven Beobachter mehr als Kollision präsentiert hätte – kam unser eigenartiger Bewegungsablauf zum Stehen. «Wir sollten noch einmal die Basics üben», mahnte die wirklich geduldige Dame und bedeutete mir, mich hinzustellen. Mit ausgestreckten Armen aneinandergelehnt, galt es nun
«einen Energiekreis zu bilden», wie sie sagte, und mal das rechte, mal das linke Bein zu belasten. «Spürst du, auf welchem Bein ich stehe?» – «Sorry, versuch’s noch mal.» – «Jetzt?» – «Tut mir leid.»

Nun, die grauen Zellen mögen sich gegen das neue Lebensgefühl noch etwas zur Wehr setzen. Kommen werde ich trotzdem wieder – auch wenn ich mich dafür wieder kolossal werde überwinden müssen.