Bischof Huonder
Die Entschuldigung ist nichts wert

Huonder geht es im Kampf gegen den Zeitgeist einzig darum, die erzkonservativen Kräfte zu stärken.

Jürk Krebs
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Huonder Priestergewand.JPG

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Keystone

Wäre Bischof Huonder ein Boxer, man würde seine Nehmerqualitäten loben. Huonder teilt aus und steckt ein. Und das in bewundernswerter Regelmässigkeit. Dieser Mann ist nicht kleinzukriegen. Doch Bischof Huonder ist kein Boxer – er ist der Bischof von Chur und damit auch der Oberhirte der Zürcher Katholiken. Diese brüskiert er gerne mit anachronistischen Aussagen, die nicht nur in Zürich längst als weltfremd aufgenommen werden. Und sie verzweifeln schier, wenn ihr Bischof wieder einmal in den argumentativen Nahkampf geht. Der jüngste Fall: Huonders Rede in Fulda vom 31. Juli, die als Hetze gegen Homosexuelle interpretiert wurde und der Schwulenorganisation Pink Cross Anlass zu einer Strafanzeige bot.

Huonder, in die Ecke getrieben, veröffentlichte gestern eine Erklärung, die er explizit nicht ans Kirchenvolk richtete: «Selbstverständlich trete ich nicht für die alttestamentarische Forderung nach der Todesstrafe für homosexuell empfindende Menschen ein.» Das mag schon richtig sein. Doch es geht hier weniger um das gesprochene Wort, sondern um die geistige Haltung dahinter. Homosexualität ist für Huonder eine Art Krankheit, das verdeutlicht seine Wortwahl: «homosexuell empfindend». Im Gespräch mit ihnen habe er gespürt «wie diese Personen leiden», sagte er gestern im «Blick»-Interview.

Die aktuelle Debatte ist reine Wortklauberei

Die Debatte ist reine Wortklauberei, von beiden Seiten. Viel schlimmer: Mit seinem Gegenangriff in Form einer Rechtfertigung auf der Website des Bistums befreit sich Huonder aus seiner Ecke und treibt die Kritiker dort hinein. Sie lassen dies zu, weil sie sich auf dessen theologische Spitzfindigkeiten einlassen. Das klingt dann so: «Obwohl mein Vortrag vor einem kirchlich sozialisierten und theologisch versierten Publikum gehalten wurde, war es falsch, bei der Konzeption des Textes und der Einschätzung seiner möglichen Wirkung nur an die akademisch-reflexive Ebene zu denken, oder an einen innerkirchlichen Fachdiskurs in Bezug auf die Bischofssynode.» Auf diesem Gebiet ist Huonder nicht zu schlagen. Seinen Kritikern droht der Knock-out.

Bischof Huonder ist nicht naiv. Er ist ein Provokateur – und ich unterstelle ihm, dass er genau weiss, was er tut. Seine Äusserungen im Zusammenhang mit der Trauung eines lesbisches Paares durch den Pfarrer von Bürglen sind uns noch in bester Erinnerung. Huonder ist ein Wiederholungstäter. Seine Entschuldigung ist deshalb nichts wert. Ihm geht es einzig darum, dem fortschreitenden Bedeutungsverlust seiner Kirche dadurch zu begegnen, dass er die erzkonservativen Kräfte um sich sammelt und stärkt. An sie richten sich solche Worte wie in Fulda ausgesprochen. An seinem Widerstand gegen den als belanglos kritisierten Zeitgeist sollen sie Hoffnung schöpfen und wieder erstarken.

Im «Blick»-Interview sagt Huonder über die kritisierten Vortragspassagen: «Beide zitierten Stellen (...) müssen interpretiert und in unsere Zeit geholt werden.» Den Gläubigen wäre es lieber, Bischof Huonder würde den Schritt in unsere Zeit machen. Doch wer glaubt, dass der Bischof von Chur das je tun wird, der wird selig.