Kommentar
Die ältere Generation hat viel zu bieten

Was mit dem Leben anfangen, wenn dieses plötzlich aus freier Zeit besteht? Mit dieser Fragestellung sind immer mehr Menschen in der Schweiz konfrontiert. Die demografische Veränderung bringt es mit sich, dass die Zahl der Pensionierten steigt.

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Die ältere Generation kann unsere Gesellschaft mitgestalten (Themenbild).

Die ältere Generation kann unsere Gesellschaft mitgestalten (Themenbild).

Keystone

Im Bezirk Dietikon ist der Altersquotient innert 15 Jahren von 21 auf 28 Prozent gestiegen, womit er sogar über dem kantonalen Mittel liegt. Die heute über 65-Jährigen sind in ihrer Art eine neue Generation, die es so in der Geschichte der Menschheit noch nie gab. Sie wird älter als jede andere vor ihr und sie ist gesünder. Kein Wunder ist diese Gruppe in der Selbstfindungsphase und die ganze Gesellschaft lernt erst gerade den Umgang mit ihr.

Wesentliches hat sich geändert. Lange Zeit arbeitete man bis zum Tode. Alter wurde in der westlichen Welt mit Gebrechlichkeit in Verbindung gebracht, bestenfalls mit Weisheit. Erst die verbesserte wirtschaftliche und damit einhergehende gesundheitliche Situation seit dem Zweiten Weltkrieg führte dazu, dass der sogenannte dritte Lebensabschnitt entstehen konnte. Wir sprechen von zehn, zwanzig, dreissig Jahren. So entstand eine Lebensspanne, die wegen der Altersvorsorge losgelöst vom Arbeitsprozess funktioniert und geprägt ist von freier Zeit und der Möglichkeit zur Selbstverwirklichung, wozu beiträgt, dass nicht mehr alle Generationen unter einem Dach leben. Und: Die heutigen Alten sind fit. Eine 80-jährige Dietikerin sagt: «Ich habe Zeit zum Musizieren, mache kleinere Velotouren oder Wanderungen, bin viel unterwegs und versuche mich mit Turnen und Walken fit zu halten.» So lässt es sich leben.

Körper und Geist funktionieren anders als in der Jugend

Doch das Alter hat ganz eigene Gesetze: Körper und Geist funktionieren anders als in der Jugend. Mit dem Alter ändern sich deshalb auch die Bedürfnisse – und genau diese will die Stadt Dietikon in Erfahrung bringen. Sie lädt ihre ältere Bevölkerung heute Morgen zusammen mit dem Seniorenrat zum Gedankenaustausch ins Stadthaus. Im Vordergrund stehen an der heutigen Veranstaltung die Wünsche einer Generation und nicht das Angebot an Pflegeeinrichtungen.

Diese sind im Bezirkshauptort und in der Region insgesamt vielfältig, wenngleich nicht in genügender Weise vorhanden. Und auch der Themenkomplex Alter und Migration ist noch längst nicht abgehandelt. Die erste Einwanderergeneration nach dem Krieg ist schlechter gebildet als der Schweizer Durchschnitt der Gleichaltrigen und sie spürt die Spätfolgen harter Arbeit, weist einen schlechteren Gesundheitszustand aus. Doch das ist ein anderes Kapitel.

Hingegen: Die heutigen Älteren haben nicht nur neue Bedürfnisse, mit ihnen bieten sich auch ganz neue Möglichkeiten. Wer einen Drittel der Lebenszeit im Pensionsalter ist, der ist kaum damit zufrieden, Freizeitangebot an Freizeitangebot zu reihen. Wer in die Gesellschaft integriert sein will, der braucht eine Aufgabe. Einige engagieren sich etwa bei «Senioren helfen Senioren» oder dem Fahrdienst des Roten Kreuzes oder hüten Enkel.

Aufgaben in Nachbarschaft, Familie und Wirtschaft

Die wenigen Beispiele verdeutlichen, wie viel sie Gesellschaft, Nachbarschaft und Familie trotz schwindender Kräfte noch immer geben können. Und der Arbeitswelt. So ist heute kaum mehr nachvollziehbar, wie wenig der Faktor Erfahrung im Arbeits- und Wirtschaftsleben noch zählt, obwohl wir alle wissen, wie wichtig er ist. Stattdessen grenzen wir ältere Menschen aus, schieben ihre Ressourcen beiseite.

Es ist an der Zeit, darüber zu reden, wie die ältere Generation unsere Gesellschaft mitgestalten und mittragen kann. Denn sie ist in ihrer überwiegenden Mehrheit längst keine Gruppe von Pflegefällen mehr, die getragen werden muss, sondern eine aktive, fitte und zu vielem bereite Generation, die noch immer tragen kann. Hören wir ihr zu – nicht nur in Dietikon.