Analyse
Der ewige Kampf um kommerzfreie Räume

Der Konflikt ums besetzte Koch-Areal in Zürich spitzt sich zu. Welche Rolle Richard Wolff spielt und warum die Tradition bis 1980 zurückreicht.

Matthias Scharrer
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Das besetzte Koch-Areal in Zürich ist wegen vermehrter Lärmklagen aus der Nachbarschaft zum Politikum geworden.Steffen Schmidt/key

Das besetzte Koch-Areal in Zürich ist wegen vermehrter Lärmklagen aus der Nachbarschaft zum Politikum geworden.Steffen Schmidt/key

KEYSTONE

Der Konflikt ums besetzte Koch-Areal in Zürich spitzt sich zu: Letzte Woche hat Statthalter Mathis Kläntschi (Grüne) ein aufsichtsrechtliches Verfahren eingeleitet, in dem Polizeivorsteher Richard Wolff (AL) bis Mitte Oktober Stellung nehmen muss, wie die Nachrichtenagentur sda am Sonntag meldete. Es gebe viele Hinweise, dass die Besetzer regelmässig gegen das Gesetz verstiessen, ohne dass die Polizei etwas dagegen unternehme, erklärte Kläntschi. Es geht um Lärmklagen — deren 171 waren es dieses Jahr bereits — und um illegalen Hanfanbau, wie Medienberichten über das Koch-Areal zu entnehmen ist. Und es geht um die Frage, ob die Polizei sich auf Geheiss des rot-grün dominierten Zürcher Stadtrats bislang gegenüber den Besetzern zu sehr zurückgehalten hat mit Interventionen. Namentlich AL-Stadtrat Wolff steht dabei im Kreuzfeuer der Kritik vonseiten der FDP und der SVP.

So sah die rote Fabrik im Jahr 1995 aus.
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Die Zwischennutzung der roten Fabrik verzögert sich 2015 aufgrund eines Brandes.
Wohlgroth 1993: Alles wird gut in Zureich. Wohlgroth 1993: Alles wird gut.
Das besetzte Labitzke im August 2014
Aktivisten feiern Weihnachten 2014 auf dem Labitzke Areal
Sept. 2016: Besetzer des Koch-Areals weigern sich umzuziehen.
Das besetzte Koch-Areal in Zürich ist wegen vermehrter Lärmklagen aus der Nachbarschaft zum Politikum geworden.Steffen Schmidt/key
2013 wird die Binz Fabrik von den Bewohnern geräumt.
Im Juli 2015 feierten erneut Besetzer auf dem Binz-Areal.

So sah die rote Fabrik im Jahr 1995 aus.

Limmattaler Zeitung

Das hat seine Gründe. Und die sind vielschichtig. Da ist nicht zuletzt auch Vorgeplänkel zum Wahlkampf 2018 zu orten: Die FDP hat nicht vergessen, dass Wolff ihr bei der Martin-Vollenwyder-Ersatzwahl 2013 überraschend einen Stadtratssitz wegschnappte. Schon damals wurde dem AL-Kandidaten vorgehalten, sein Nachwuchs verkehre in der Besetzerszene. Doch auch Richard Wolffs eigene Politisierung in jungen Jahren hing stark mit dem Kampf um unkommerzielle Freiräume zusammen, der bei den Koch-Areal-Besetzern und -Nutzern ebenfalls mitspielt.

Bob Marley

Rückblende: Als nach dem legendären Bob-Marley-Konzert 1980 die Zürcher Jugendunruhen ausbrachen, war der damals 22-jährige Richard Wolff dabei, sowohl am Konzert als auch an den nachfolgenden Demos, wie er später in einem Interview sagte. «Dass ich mich in dieser Stadt zu engagieren begann, war für mich die persönliche Quintessenz aus der 80er-Revolte», so der Geograf und Stadtforscher Wolff im Interview 20 Jahre danach. «Und da gab es eine Menge konkreter Forderungen: Wir wollen die Rote Fabrik und ein AJZ— und LSD im Trinkwasser der Stadt! Dann ging es auch gegen die Bullen, gegen den Stadtrat, gegen das Establishment, gegen die Bonzen, gegen die Unterdrückung. Das gab eine gemeinsame Basis. Und es war lustig!» Als Wolff dies dem Interviewer Heinz Nigg für dessen 2001 erschienenes Buch «Wir wollen alles, und zwar subito» sagte, konnte er noch nicht ahnen, dass er dereinst Zürichs Polizeivorsteher sein würde.

Doch es geht hier nicht darum, in Stadtrat Wolffs Biografie herumzustochern. Vielmehr lässt sich daran aufzeigen, dass hinter der aktuellen Debatte über das Koch-Areal ein Konflikt steckt, der Zürich nicht erst seit den 1980er-Jugendunruhen, aber seit damals nahezu permanent beschäftigt: Wie viel Freiraum soll die Stadt jungen Leuten gewähren, die ohne viel Geld ihre Kultur entwickeln und ausleben wollen?

"Gleiches Recht für alle"

Und: Wie stark soll dieser Freiraum durch geltendes Recht reglementiert sein, etwa durch Lärmvorschriften, aber auch durch das punkto Hanfanbau- und -konsum umstrittene Betäubungsmittelgesetz? Wer strikt an die konsequente Durchsetzung des Rechtsstaats immer und überall glaubt, wird spätestens hier mit dem Einwand «gleiches Recht für alle» kommen. Und er wird damit selbstverständlich im Grundsatz Recht haben. Allein: Die Geschichte der Hausbesetzungen in Zürich seit 1980 zeigt, dass es sich oft bewährt hat, Freiräume für eine unkommerzielle Kultur zu gewähren — und dass dies meistens eine Gratwanderung am Rande des geltenden Rechts war.

So stand für die 1980er-Bewegung in Zürich die Forderung nach einem Autonomen Jugendzentrum (AJZ) im Vordergrund. Während kurzer Zeit existierte es — und wurde schon bald von Heroin-Dealern und -Süchtigen vereinnahmt. Die Stadt schloss das AJZ und machte es dem Erdboden gleich, der heute als Car-Parkplatz beim Hauptbahnhof dient. Ein Wendepunkt im Umgang mit der Jugendkultur war 1982 die Wahl des Freisinnigen Thomas Wagner zum Stadtpräsidenten: Unter seiner Führung wurde die Rote Fabrik als städtisches Kulturzentrum etabliert — und auch von der aufmüpfigen Jugend als ihr Haus angenommen.

Rote Fabrik

Allerdings verflüchtigte sich mit der Etablierung der Roten Fabrik als subventioniertem städtischen Betrieb im Laufe der Jahre der autonome Gründergeist. Und wer wenig Geld in der Tasche, aber Lust auf günstige Partys, Konzerte und kulturelle Experimente hatte, fand ab 1991 auf dem besetzten Wohlgroth-Areal entlang der Gleise beim Hauptbahnhof eine neue Anlaufstelle. Über 100 Leute wohnten auf dem Areal, weitaus mehr nutzten es kulturell, vor allem an den Wochenenden. «Alles wird gut» pinselten die Besetzer an die Fassade. Der Spruch war Programm, auch für spätere Besetzungen: Gebt uns Freiraum, dann geben wir uns zufrieden und machen ausserhalb der besetzten Gemäuer keinen Ärger, lautete die Botschaft.

Als das Wohlgroth-Areal Ende 1993 polizeilich geräumt wurde, war klar: So ein Deal konnte funktionieren, aber nur auf Zeit. Sobald Immobilien- respektive Grundeigentümer baureife Neubaupläne haben, müssen die Besetzer gehen — aber nicht vorher. So lautet die stadträtliche Devise, die sich seit den 1990er-Jahren unter rot-grüner Vorherschaft in Zürich herausbildete.

Sich wiederholende Muster

Das Muster wiederholte sich seither bei diversen Besetzungen, von Egocity im Kreis 4 über das Cabaret Voltaire, die Sihlpapierfabrik (heute Sihlcity), das Binz- und das Labitzke- bis hin zum Koch-Areal. Gelingt die Balance zwischen den (Ruhe-)Bedürfnissen der Nachbarn und dem Wunsch der Besetzer nach Freiräumen für eine unkommerzielle Kultur, wertet dies das Stadtleben auf. Übertreiben es die Besetzer mit lautstarken Konzerten oder die Stadt mit dem Durchsetzen von Recht und Ordnung, hat dies für beide Seiten negative Folgen: Die Besetzer und ihr Umfeld verlieren Freiraum, die Stadt büsst an Lebendigkeit ein. Der Deal kann nur funktionieren, wenn sich beide Seiten darum bemühen.