Analyse
Das Etikett «Ruhrpott» gehört endgültig über Bord geworfen

Eine Analyse über die Strategische Allianz Limmattal und ihr Ziel, sich parteiübergreifend für Limmattaler Anliegen einzusetzen.

Sandro Zimmerli
Sandro Zimmerli
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Die Strategische Allianz Limmattal rückt die gesamte Region und ihre Bedürfnisse in den Fokus.

Die Strategische Allianz Limmattal rückt die gesamte Region und ihre Bedürfnisse in den Fokus.

Florian Niedermann

«Wir wollen mit einer Stimme sprechen!» Gemeinsam für die Anliegen des Limmattals einstehen. Denn nur so erhält die Region politisches Gewicht, nur so kann sie sich beim Bund und den Kantonen Zürich und Aargau Gehör verschaffen. Das ist die Idee hinter der Strategischen Allianz Limmattal (SAL). Die von Kantons- beziehungsweise Grossräten aus allen grösseren Parteien des Limmattals ins Leben gerufene Lobbyorganisation hat am Mittwoch ihre Charta präsentiert, die von verschiedenen Parlamentariern, von Vertretern von Exekutiven sowie von Industrie, Gewerbe und Handel unterzeichnet wurde.

Das Limmattal soll die Herausforderungen und Probleme, die das rasante Wachstum der Region mit sich bringt, gemeinsam meistern, gemeinde- und kantonsübergreifend. Diese Einsicht, dass etwa das steigende Verkehrsaufkommen oder die Siedlungsentwicklung im Tal nicht einzelne Gemeinden, sondern das gesamte Gebiet zwischen Zürich und Baden betrifft, ist nicht neu. Bereits die von der Standortförderung Limmattal eingesetzte Groupe de Reflexion ist 2009 zum Schluss gekommen, dass die hinderlichen Kantonsgrenzen überwunden werden müssen, die regionale Identität gestärkt und die Entwicklung des Limmattals gesamtheitlich gefördert werden muss.

Wir wehren uns gemeinsam, nicht mehr als Einzelkämpfer

Einzelne Komitees, wie die «Chance Gubrist» oder «Gateway: So nicht!» sind angetreten, grosse Verkehrsinfrastrukturprojekte in für das Limmattal verträgliche Bahnen zu lenken. Es ist daher wenig verwunderlich, dass gerade diese beiden Akteure Pate standen für die Idee hinter der SAL. Den zwei Komitees ist es gelungen, über die Gemeinde- und Kantonsgrenze hinaus erfolgreich Kräfte zu bündeln. Die Gründung der SAL ist daher die logische Konsequenz eines Umdenkens, das vor rund 10 Jahren einsetzte. Waren die Gemeinden vorher mehrheitlich Einzelkämpfer, setzte sich allmählich die Erkenntnis durch, dass man nur gemeinsam die Entwicklung des Limmattals in die gewünschte Richtung lenken kann.

Nicht zuletzt ist diese Erkenntnis einem Gefühl entwachsen, übergangen zu werden. Für immer mehr Menschen ist es unverständlich, dass das Limmattal seine für den Bund bedeutende Verkehrsinfrastruktur stetig ausbauen soll, ohne dafür eine Gegenleistung zu erhalten. Die SAL ist auch eine Reaktion auf dieses Gefühl. «Es reicht!», lautet die Devise. Gemeinsam wehren wir uns. Nicht mehr einzelne Themen, sondern die Gesamtheit des Limmattals steht jetzt im Vordergrund.

Andere Regionen machen es vor, wie es geht

Freilich sind die in der Charta der SAL formulierten Stossrichtungen in den einzelnen Themenfeldern Identität, Leben, Wohnen, Arbeiten und Verkehr sehr offen gehalten. Sie sind als kleinster gemeinsamer Nenner der involvierten Personen zu verstehen. Das ist verständlich. Nur so war es überhaupt möglich, dass sich Politiker aller Lager in einer solchen Lobbyorganisation zusammenschlossen. Das ist den Verantwortlich bewusst.

Ihnen ist ebenfalls klar, dass der Teufel im Detail liegt. Einfach dürfte es nicht werden, alle politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Haltungen unter einen Hut zu bringen, wenn es um die Ausarbeitung konkreter Vorstösse geht. Trotzdem ist es richtig und wichtig, zu versuchen, gemeinsam für die Interessen des Limmattals zu lobbyieren. Andere Regionen in den Kantonen Zürich und Aargau machen es bereits vor.

In diesem Licht ist auch die Forderung nach der Entwicklung einer eigenen regionalen Identität zu verstehen. Dies lässt sich allerdings nicht durch Lobbyieren erreichen. Gefragt sind alle. Dazu gehört etwa, sich zu engagieren, sei dies in Vereinen oder an Anlässen. Es heisst auch, dass man Neuzuzüger willkommen heisst und sie zur aktiven Teilnahme am Gemeindeleben motiviert. Nur wenn man sich gegenseitig kennt, kann es überhaupt gelingen, eine gemeinsame Identität zu entwickeln.

Über Bord geworfen gehört auch die Rede vom «Ruhrpott der Schweiz». Immer noch taucht dieser Ausdruck in Diskussionen auf. Meist wird er von Limmattalern selbst verwendet. Dann nämlich, wenn erklärt werden soll, dass die Region heute mit diesem Etikett so gar nichts mehr zu tun hat. Das Limmattal braucht sich nicht zu verstecken. Selbstbewusstsein gehört auch dazu, wenn man seine Interessen durchsetzen will.