Kommentar
Bitte etwas weniger Hysterie

Zugegeben: Es ist eine gute Geschichte. Eine Aufseherin befreit ihren Liebhaber, einen Vergewaltiger, aus dem Gefängnis Limmattal und flüchtet mit ihm ins Ausland.

Bettina Hamilton-Irvine
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Bitte etwas weniger Hysterie

Bitte etwas weniger Hysterie

Zurück bleiben ein schockierter Ehemann, ein trauriger Stiefvater. Sex, Betrug, Verbrechen, Flucht, Familiendrama – die Story hat alles, was ein guter Krimi braucht. Kein Wunder, erregt sie schweizweit Aufsehen.

Eine Woche später ist aus dem Interesse viel Hysterie geworden. Der Chefredaktor der «SonntagsZeitung» schreibt, der Fall zeige exemplarisch, «wie eine Mischung aus falsch verstandenem Sparwillen, Arroganz und Fehlplanung den Rechtsstaat ad absurdum führen» könne.

Für ihn ist klar: Das Justizwesen habe falsche Prioritäten gesetzt, denn natürlich brauche das Dietiker Gefängnis jede Nacht nebst zwei Aufsichtspersonen – wovon eine schläft – auch eine Sicherheitsperson.

Die SVP bezeichnete den Fall gestern im Kantonsrat als «peinlich» und «unhaltbar» und warf Regierungsrätin Jacqueline Fehr (SP) vor, sie habe den Justizvollzug nicht im Griff. Auch die SVP forderte mehr (waches) Personal.

Mit Verlaub: Das ist alles ziemlich absurd. Denn einen vergleichbaren Fall gab es in der ganzen Geschichte der Zürcher Gefängnisse noch nie.

Wegen eines absoluten Einzelfalls gleich nach kostspieligen Massnahmen zu rufen, ist übertrieben – umso mehr, als dass der Kanton bald jährlich 700 Millionen einsparen muss.

Klar ist: Auch mehr Personal würde es nicht verunmöglichen, dass ein Sicherheitssystem manipuliert werden kann. Denn es gibt keine risikofreie Welt, so gern wir das auch hätten.