Kommentar
Beim öV drohen Rückschritte

Die nächste Bus- oder Tramhaltestelle darf neu 750 statt 400 Meter entfernt sein.

Matthias Scharrer
Matthias Scharrer
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Der Weg zur Bushaltestelle darf in Zukunft auch länger sein und dementsprechend auch mehr Zeit in Anspruch nehmen.

Der Weg zur Bushaltestelle darf in Zukunft auch länger sein und dementsprechend auch mehr Zeit in Anspruch nehmen.

Keystone

Das dichte Netz im öffentlichen Verkehr (öV) ist im Kanton Zürich nicht mehr wegzudenken. Hunderttausende von Pendlern nutzen es täglich. Das dient auch dem boomenden Wirtschaftsstandort und trägt zu seiner ökologisch nachhaltigen Entwicklung bei. Doch nun drohen Rückschritte: Statt 400 Meter Luftlinie darf die Entfernung zur nächsten Bus- oder Tramhalte-stelle in Siedlungs- und Arbeitsplatzgebieten künftig in Ausnahmefällen 750 Meter betragen. Das hat der Kantonsrat gestern beschlossen. Wenn die Änderung wie vom Regierungsrat versprochen faktisch nicht zu einem Systemwechsel führt, ist dagegen nichts einzuwenden. Schliesslich hat niemand ein Interesse daran, dass für viel Geld leere Busse durch die Gegend fahren.

Trotzdem gilt es, wachsam zu bleiben. Die Entwicklung des öV-Angebots im Kanton Zürich ist eine Erfolgsgeschichte. Es wäre ein Fehler, nur aus Spargründen Rückschritte in Kauf zu nehmen. Grundsätzlich bleiben kurze Wege zur nächsten öV-Haltestelle ein wichtiges Mittel, um in Zeiten des Bevölkerungswachstums den Verkehrskollaps zu vermeiden. Aber der öV-Ausbau muss auch kritisch hinterfragt werden. Eine uneingeschränkte Erschliessung abgelegener Gebiete trüge zur Zersiedelung bei, der Siedlungsbrei würde sich so immer weiter ausbreiten.

Kurz: Augenmass ist gefragt. Die Ausnahmefälle, in denen das öV-Netz grössere Lücken aufweisen darf, müssen gut begründet sein. Sie dürfen nicht aus Spargründen zur Regel werden. Ein gutes öV-Netz bleibt ein grosser Standortvorteil.