Auf der Flucht
Aylans Tod sollte uns eine Lehre sein

Wochenkommentar von Jürg Krebs, Chefredaktor der Limmataler Zeitung, über den dreijährigen Jungen, gestorben auf der Flucht vor dem Krieg in Syrien: Aylan könnte noch immer leben. Wir müssen unsere Fähigkeit, Mitgefühl zu zeigen, reaktivieren!

Jürg Krebs
Jürg Krebs
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Kurz nach dem Start kenterte das überladene Flüchtlingsboot. Aylan (3), sein fünfjähriger Bruder Galip und seine Mutter ertranken.
11 Bilder
Abdullah Kurdi trauert
So glücklich bleiben die Jungs gerne in Erinnerung
Der 3-jährige Aylan Kurdi
Der Sarg mit Rehan Kurdi wird zum Leichenwagen getragen.
Die Särge von Mutter Rehan, Aylan (3) und Galip (5)
Flüchtlingstragödie in der Türkei: Abdullah Kurdi verliert seine Söhne Aylan (3) und Galip (5) und seine Frau Rehan
Die Särge werden in die Erde gelassen
Abdullah Kurdi gedenkt der Toten.
Türkische Soldaten bewachen den Leichenwagen
Tima Kurdi, Tante von Aylan bereut, Geld für die Überfahrt geschickt zu haben.

Kurz nach dem Start kenterte das überladene Flüchtlingsboot. Aylan (3), sein fünfjähriger Bruder Galip und seine Mutter ertranken.

Keystone

Der Schrecken hat ein Bild. Das Bild vom dreijährigen Aylan, an den Strand von Bodrum in der Türkei gespült. Der Junge scheint zu schlafen – doch der Junge ist tot. Ertrunken. Ertrunken auf der Flucht vor dem Schrecken des Krieges in Syrien. Das Schlauchboot, das ihn auf die griechische Insel Kos bringen sollte, war in der Nacht zuvor gekentert. Auch sein fünfjähriger Bruder Galip starb, genauso Mutter Rehan.

Der Vater überlebte, ist verzweifelt, erzählt vom Schrecken, erzählt, wie er den älteren, bereits toten Jungen im Wasser loslassen musste, um den anderen zu retten, wie er seine Frau aus den Augen verlor, schliesslich seinen Jüngsten und am Ende alles vergebens war. Was für ein Drama. Was für ein unvorstellbares Leid.

Derweil wird in der Schweiz über echte und unechte Flüchtlinge diskutiert. Darüber, dass die einen willkommen sind, die anderen nicht, dass beide Kategorien schwer zu unterscheiden seien und das Boot nicht nur zwischen Bodrum und Kos, sondern auch in der Schweiz voll sei.

Aylan hätte diese Diskussion nicht verstanden, auch als erwachsener Mann nicht. Seine Heimat Kobane ist eine Ruinenstadt. In Syrien regiert nicht nur der Islamische Staat, sondern auch der Tod. Aylan wollte nichts anderes als leben. Sein Ziel war die Tante in Kanada, wie in den letzten Tagen bekannt wurde. Es hätte auch die Schweiz sein können.

Oder Ungarn. Ministerpräsident Viktor Orban sprach am Donnerstag angesichts der Flüchtlinge, die sein Land erreichen, den an Zynismus kaum mehr zu überbietenden Satz: «Das ist kein EU-Problem (und damit kein ungarisches), sondern ein deutsches Problem.»

Schliesslich gäben die Flüchtlinge an, Deutschland erreichen zu wollen. Orban ist nicht am Schutz von Flüchtlingen interessiert, wie er aufgrund der Genfer Flüchtlingskonvention verpflichtet wäre. Er will die Flüchtlinge loswerden, auch wenn er sie gerade einsperrt. Aylan wollte nicht nach Deutschland. Er hat nicht einmal Ungarn erreicht.

Regierungen behaupten:Uns fehlt das Geld

Die Schweiz erreichten zuletzt gut 20 000 Flüchtlinge pro Jahr. 2015 rechnet der Bund mit etwa 30 000. Das ist angesichts der Katastrophe im Nahen Osten nicht besonders viel. Es wären nicht einmal 0,4 Prozent der ständigen Wohnbevölkerung. In Libanon macht der Flüchtlingsanteil 25 Prozent aus. Angesichts solcher Relationen ist die in der Schweiz bald an Hysterie grenzende Ablehnung so zynisch wie Orbans Satz. Wieder einmal macht der Satz vom «gedeckten Tisch» die Runde, an den sich Flüchtlinge setzen wollten. Aylan wollte mit Sicherheit keinen «gedeckten Tisch». Ihm hätte wohl gereicht, am Morgen ohne Angst aufwachen zu können.

Die Welt gibt jährlich Tausende von Milliarden Franken für Kriege aus. Doch geht es um den Schutz von Flüchtlingen, dann behaupten Regierungen gerne, es fehle an Millionen. Oder es wird wie in der Schweiz gegen Flüchtlingszentren Stimmung gemacht. Es ist eine Behauptung. Doch ich halte daran fest: Aylans Tod hätte verhindert werden können.

Nein – er hätte verhindert werden müssen. Dafür müssten wir unsere Fähigkeit zu Mitgefühl reaktivieren. Es wird höchste Zeit, dass die Schweiz – und mit ihr Europa – ihren Egoismus zurückstellt, sich nicht mehr hinter administrativen und organisatorischen Hürden versteckt und dafür wieder Menschlichkeit zeigt. Das ist die Lehre, die wir aus dem Tod von Aylan ziehen müssen.

juerg.krebs@azmedien.ch