Wochenkommentar zur Stadtentwicklung in Schlieren
Agiert Schlieren weiterhin so mutlos, vergibt es eine Chance

Schlierens Stadtrat hat die historische Chance das Zentrum attraktiver zu gestalten. Doch er zögert. Und: Es ist nicht mehr klar, ob er überhaupt ein Ziel verfolgt.

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«Wer die Trostlosigkeit der 1990er-Jahre vor Augen hat, der sollte gewarnt sein.»

«Wer die Trostlosigkeit der 1990er-Jahre vor Augen hat, der sollte gewarnt sein.»

Keystone

Ausgerechnet der Schlieremer Stadtkern ist noch heute so öde wie zuvor. Dabei hat sich der Stadtrat vor knapp 15 Jahren daran gemacht, das Zentrum aufzupolieren, damit dessen Glanz auf die Quartiere ausstrahlt. Schlierens Kern sollte sein Image als einer der hässlichsten Orte im Kanton endlich loswerden. Die Frage drängt sich auf: Was ist da schiefgelaufen?

Zunächst ist festzuhalten: Schlieren liegt im Trend. Nicht nur in Bezug auf die Stadtentwicklung, sondern auch bei jungen, gut ausgebildeten Menschen. Das zeigte eine diese Woche vom Stadtrat präsentierte Analyse, die als Erfolgskontrolle des 2005 genehmigten Stadtentwicklungskonzepts in Auftrag gegeben wurde. Der Grund für den Trend: Als die Nachfrage in der Stadt Zürich nach der Jahrtausendwende das Wohnungsangebot bei weitem überstieg, wandten sich Investoren dem nahen Schlieren zu. Kein Wunder heisst der städtische Slogan «Schlieren – wo Zürich Zukunft hat». Eine Bautätigkeit setzte ein, wie die Stadt sie noch nicht erlebt hatte. Die Bevölkerung wuchs um über 30 Prozent auf heute 18 000 Einwohner. Der positive Effekt: Die Bevölkerungsstruktur verbesserte sich signifikant. Die Sozialhilfe- und die Arbeitslosenquote sanken überdurchschnittlich. Die Bevölkerung glaubt, an Lebensqualität gewonnen zu haben.

Doch so einfach ist Stadtentwicklung nicht. Denn es ist unklar, ob die jungen, gebildeten Zuzüger gekommen sind, um zu bleiben. Der Stadtrat weiss, er muss die Stadt so attraktiv machen, dass die jungen Neo-Schlieremer in der Stadt Wurzeln schlagen. Nur dann besteht die Hoffnung, dass die durchschnittlichen Steuererträge pro Person steigen, diesbezüglich hat sich in all den Jahren nichts verändert. Doch Stadtentwicklung kostet viel Geld – Infrastrukturanpassungen kosten Millionen. So gesehen, ist die bisherige Entwicklung zwar durchaus erfreulich. Ob sie nachhaltig ist, wird sich erst weisen.

Die Reformfreudigkeit ist merklich abgekühlt

Für die Zukunft entscheidend ist, ob es dem Stadtrat gelingt, das Zentrum zu einer städtischen Visitenkarte zu machen. Anders als in den neu entstandenen Quartieren, wo der Stadtrat zwar die Gestaltung mitbestimmen konnte, treibende Kraft aber private Investoren sind, muss er im Zentrum den Prozess selbst vorantreiben.

Die anfängliche Reformfreude ist in Schlieren merklich abgekühlt. Das Parlament trägt den stadträtlichen Entwicklungskurs nur noch knapp, wenn überhaupt. Das Klima ist nicht zuletzt wegen der Diskussion um die Trasseeführung der Limmattalbahn vergiftet. Mehrere Erneuerungswahlen haben das Parlament offenbar von der ursprünglichen Idee entfremdet. 2005 war das noch anders, Stadtrat und Parlament zogen unter dem Stichwort «Schliere macht vorwärts!» am gleichen Strick.

Das Problem des Stadtrats: Zu viele Interessengruppen wollte er einbinden, nicht zuletzt Gewerbe und Wirtschaft. Doch weil alle ihre ganz eigenen Vorstellungen haben, was zwischen «Lilie», Stadtpark und «Parkside» – auch Stadt- und Kulturplatz genannt – entstehen soll, ist der Prozess blockiert. Bestes Beispiel: Mangels eigener Ideen griff der Stadtrat den Vorschlag der Halter AG für eine Eventhalle im Stadtkern samt dazugehörigem Hotel auf, nur um dann zu merken, dass er damit keine Mehrheit gewinnt. Das Projekt ist ad acta gelegt. Heute ist nicht mehr klar, was der Stadtrat eigentlich will. Das wurde anlässlich des Podiumsgespräches zur Stadtentwicklung vom Dienstag, an dem der neue Bauvorstand Markus Bärtschiger (SP) teilnahm, deutlich. Dabei wurde Stadtrat und Parlament in der Analyse attestiert, die Weichen mit Blick auf das 2005 abgenommene Stadtentwicklungskonzept richtig gestellt zu haben.

Genau dieses weitherum viel beachtete Stadtentwicklungskonzept sieht für das Zentrum einen Begegnungsort für die Bevölkerung vor. Was das städtebaulich heisst, wäre längst zu definieren gewesen. Der laute, stinkende Verkehr jedenfalls soll auf eine Umfahrungsstrasse gezwungen werden, was teilweise realisiert ist. Attraktive Städte haben, wenn schon keine autofreie, so doch eine fussgängerfreundliche Innenstadt. Darauf verwiesen auch der Politgeograf Michael Hermann und der Direktor der Vereinigung für Landesplanung, Lukas Bühlmann, auf dem erwähnten Podium. Beide haben sich eingehend mit Schlieren auseinandergesetzt und empfehlen, in diese Richtung weiterzuarbeiten. Dieses attraktive Zentrum fordert gemäss der Analyse auch die Bevölkerung. Doch Jahr für Jahr wird dieses einstige Ziel verwässerter.

Nur ein attraktives Zentrum stiftet Identität

Wachstum alleine ist noch keine Qualität, auch wenn es verführerisch aussieht. Und deshalb ist das Schlimmste, was passieren kann, dass die Quartiere wuchern, der Stadtkern wegen politischer Mutlosigkeit aber ein grauer, von Verkehr dominierter Ort bleibt. Schlieren wäre dann zwar gewachsen, hätte sich aber nicht entwickelt. Und der Stadtkern würde auch in Zukunft keine positive, identitätsstiftende Wirkung entfalten, die nicht zuletzt für die Integration der Zuzüger so hilfreich wäre. Wer das trostlose Zentrum der 1990er-Jahre vor Augen hat, der sollte gewarnt sein. Doch anders als damals, als komplizierte Eigentumsverhältnisse im Stadtzentrum einen Erneuerungsprozess blockierten, hat der Stadtrat vor über zehn Jahren das Schicksal des Zentrums – durch geschickten Landkauf und -abtausch – in die eigene Hand genommen. Er sollte heute die Chance nutzen. Sie könnte schneller vorbei sein, als er glaubt.

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