Unsere kleine Stadt
Geld und Geist an unserer Universität

Unsere kleine Stadt feiert Dr. h. c. Roger Federer. Zum Autor: Daniel Wiener ist in Liestal aufgewachsen und lebt in Basel. Er ist Journalist, Kulturmanager, Unternehmer und Berater.

Daniel Wiener
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Roger Federer: Seit vergangenem Freitag Ehrendoktor der Universität Basel

Roger Federer: Seit vergangenem Freitag Ehrendoktor der Universität Basel

David Biedert

Mehrheitlich negativ kommentierten Leserbriefschreiber im Internet die Ernennung von Roger Federer zum Ehrendoktor der Universität Basel. So erntete «Küde» auf dem Portal von «20 Minuten» sagenhafte 874 «Likes» (und nur 221 «Buhs») für seinen Post: «Natürlich ist es grossartig, was er geleistet hat... aber dafür einen Doktortitel... ich weiss nicht. Zu guter Letzt wird er noch heilig gesprochen.» Deutlicher urteilte der emeritierte Basler Soziologieprofessor Ueli Mäder mit Verweis auf die fortgesetzte Flucht des Tennisstars in steuergünstige Gemeinden und seine Luxus-Wohnung in Dubai: «Das sind nicht die Zeichen, die ich mir von einem Vorbild wünsche.»

Was also trieb die Medizinische Fakultät dazu, dem Serien-Sieger einer sachfremden Disziplin zu huldigen? «Populismus», wie Mäder mutmasst? «Sauglattismus», wie andere schmähten? Oder gar die Aussicht darauf, dass Krösus Federer eines Tages einen Lehrstuhl stiften könnte? Zum Beispiel für die Gesundheitsförderung durch Bewegung? Diesen Ball spielte jedenfalls Laudator Prof. Dr. Thomas Gasser dem Geehrten suggestiv zu. Advantage Uni.

«Dies Academicus» heisst die traditionelle Oscar-Verleihung der Uni in der Martinskirche. Dort versammelte sich dieses Jahr eine Gemeinschaft, deren Institution an der Schwelle zu einem neuen Zeitalter steht. Über viele Jahrhunderte hat die mit grossem Abstand älteste «Alma Mater» der Schweiz ihre Unabhängigkeit erfolgreich verteidigt. Doch tut sie genug dafür, dass dies auch in Zukunft so bleibt? Hilft dabei ein Dr. h.c. Roger Federer mit, oder steht er eher im Weg?

In Zeiten von «Fake News» strahlt der Glorienschein der soliden Wahrheitsfinder besonders hell. Vorbei sind die Zeiten, als sich die Wirtschaft mit einer selbst gebastelten Denkfabrik wie «Avenir Suisse» begnügte. Wer es sich leisten kann, greift nach der Krone des akademischen Wissens. Zunehmend verlagern Unternehmen deshalb ihre Sponsoring-Tätigkeit in die Universitäten. Sie finanzieren dort Lehrstühle und bestimmen so die Agenda mit. Auch wenn Forschung und Lehre «frei» bleiben, lenkt der Magnetismus des privaten Geldsegens die Kompassnadel der Hochschulen in Richtung Wirtschaftsinteressen. Denn in der Regel bestimmen Mäzene das Thema ihres Mitteleinsatzes. So verwunderte es niemanden, als die UBS in einem zunächst undurchsichtigen Deal der Uni Zürich 100 Millionen Franken für finanzwirtschaftliche Forschung gab.

Was die UBS darf, können wir auch. Das müssen sich einige Baselbieter Parlamentarier gedacht haben, die sich gestern mit ihren Kolleginnen und Kollegen über das Uni-Budget gebeugt haben. Dabei haben sich einige Landräte entschlossen, einen klebrigen Giftcocktail über die nüchternen Zahlen zu giessen: Sparappelle mischen sich mit Forderungen nach ökonomischer Rechtfertigung einzelner Fächer; dazu gesellt sich ein offen zur Schau getragenen «Anti-Bildungs-Dünkel». Die Affiche lautet: Was wir nicht verstehen, darf auch nicht sein. Unter dem Strich will diese Tendenz im Baselbieter Parlament die Universität samt ihrer Inhalte bestimmen und kontrollieren, wie es einst die Politbüros osteuropäischer Staatsparteien taten. Am deutlichsten wird dies bei den geforderten neuen Studiengebühren. Diese sollen insbesondere für Ausländerinnen und Ausländer so stark erhöht werden, dass alle ohne roten Pass abgeschreckt würden. Mit der internationalen Ausstrahlung der Uni wäre dann Schluss, und das scheint den Fremdenfeinden gut so.

Auf dem Spiel steht ein Grundsatz, der über Jahrhunderte die Entdeckungsfreude, die Innovationskraft und die Produktivität der Universität prägte: Dieser besondere Ort soll frei sein von politischen, ideologischen oder ökonomischen Verwertungsinteressen. Jetzt sind die Studierenden erwacht: In einer «Langen Nacht der Kritik» organisierten sie letzten Freitag den Widerstand. Und sie unterstrichen ihren Protest mit Demonstrationen für Lehr- und Forschungsfreiheit.

Gegen Mäzene für die Uni ist nichts einzuwenden, so lange sie sich nicht einmischen. Für sie könnte die Hochschule eine Stiftung einrichten, die Spenden entgegen nimmt und neutral zugunsten von Lehre und Forschung verwaltet. Es spricht auch nichts dagegen, Strassen nach diesen Wohltätern zu benennen und für Sponsoren Denkmäler zu errichten, so lange sie nicht auch noch bestimmen, wo’s lang geht.
Ideen können alle haben. Auch gute Ideen. Es ist nicht einzusehen, weshalb sich die guten und schlechten Ideen von Multimillionären und ihrer Unternehmen im Wettbewerb einfacher durchsetzen sollen als die Vorschläge eines einfachen Bürgers, einer einfachen Bürgerin. Hier könnte der Landrat Grenzen setzen. Ein Baselbieter Dr. h. c. Roger Federer würde dann auch weniger Verdacht erwecken, sondern glatt als Fasnachtssujet und humoristischer Beitrag der Medizinischen Fakultät durchgehen.