Unsere kleine Stadt
Basel muss sich 2018 neu erfinden

Unsere kleine Stadt steht am Scheideweg. Zum Autor: Der in Liestal aufgewachsene und in Basel lebende Autor Daniel Wiener ist Journalist, Kulturmanager, Unternehmer und Berater.

Daniel Wiener
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Basel am Scheideweg.

Basel am Scheideweg.

KEYSTONE/MARCEL BIERI

Die Welt dreht sich rascher, als unser Gemeinwesen denken kann. Während wir noch um Parkplätze streiten, kurven anderswo schon selbst fahrende Autos herum. Diese benötigen kaum mehr Abstellflächen, weil sie immer unterwegs sind (und geteilt werden). Kaum haben wir einen Theaterdirektor oder einen Fussballer ins Herz geschlossen, ist er schon weg. Unser Leben als Sprungbrett. Während wir erst beginnen, über die Folgen der Globalisierung für unsere Region nachzudenken, ist Syngenta nach China verkauft. Wegen einer Million, die fürs Tram 3 ins Elsass floss, schlagen wir uns die Köpfe blutig, während andere Regionen zielbewusst beim Bund Milliarden für neue Bahnprojekte abkassierten.

Immer, wenn wir die Übersicht über unsere kleine Welt verlieren, widmen wir uns mit Leidenschaft der Schuldfrage. Zum Beispiel in der Verkehrspolitik (wer ist schuld am Stau?), bei der Spitalfusion (wer hat am falschen Ort gebaut?), bei den Museen (wer hat zu optimistisch gerechnet?) oder bei der Uni (welches Institut ist überflüssig?). Die Suche nach Schuldigen provoziert Rechtfertigung und verleitet zu Besitzstandswahrung, also noch mehr Stillstand. Am Ende droht ein beispielloser Abstieg.

Jegliches Gespür für Zusammenhänge und das Grosse und Ganze geht in diesem Motz-Modus unter. So fordern Politiker in allem Ernst, Regierungspräsidentin Elisabeth Ackermann mit der gestern veröffentlichten, pragmatischen Museumsstrategie «ruhig ins Messer laufen zu lassen». Solche Häme erstickt jeden Mut und jede Zuversicht im Keim. Wenn wir in Basel etwas erfolgreich kultivieren, dann ist es der Pranger. Regierungsrat Hans-Peter Wessels bekommt sogar Schelte, wenn er Strassen und Leitungen reparieren lässt. Anstatt die Exekutive bei der Lösung ihrer dringenden Aufgaben konstruktiv und mit mehrheitsfähigen Ideen zu unterstützen, lümmeln einzelne Verbände und Grossräte an der Seitenlinie und pfeifen die Regierung systematisch aus wie den Haris Seferovic im Match gegen Nordirland.

Leider lassen sich komplexe Sachverhalte mit simplen Schuldzuweisungen auch nicht vereinfachen. Zur Überwindung des Stillstands brauchen wir einen visionären, kreativen, gemeinsam getragenen Innovationsschub. Basel muss sich 2018 neu erfinden, um nicht unter die Räder des schnellen Wandels zu geraten. Ein positives Beispiel dafür ist die geplante Neuüberbauung im Gebiet M-Parc. Diese setzt neue Massstäbe und schont zugleich die bestehende Bausubstanz der Umgebung. Hochhäuser für Gewerbe, Büros und Wohnen sparen Boden und erlauben damit die Errichtung eines neuen Parks im Gundeli.

Unsere Stadt war immer dann erfolgreich, wenn sachpolitisch motivierte Institutionen wie die Christoph Merian Stiftung (CMS), die Migros und der Kanton sich zu mutigen Projekten fanden und diese gemeinsam realisierten. Das gleiche Gespann hat uns schon mit der «Grün 80» einen neuen Park und parallel dazu die kaum mehr wegzudenkende Rheinpromenade beschert. Auch bei der «Werkstadt Basel», wo es um wohnlichere Quartiere ging, kam das konstruktive Basel, jenseits von Wäffeln und Wursteln, zur Blüte. Wie können wir diesen innovativen Geist wirksam nähren? Der Lotteriefonds allein kann es nicht richten.

Er muss zu vielen Ansprüchen genügen. Deshalb verteilt er sein Geld vorwiegend nach dem Giesskannenprinzip. Ausserparlamentarische Früherkennung und Erneuerung unterstützt auch die CMS mit wesentlichen Mitteln. Doch reichen diese nicht mehr aus, um die aktuellen Umwälzungen alleine aufzufangen: Pubertierende Jugendliche haben manchmal Wachstumsschmerzen an Armen und Beinen, wenn sie hochschiessen. Die gleichen Symptome erlebt unsere Stadt. Bis 2035 wird sie über 30 000 neue Einwohner anziehen, wegen ihres wirtschaftlichen Erfolgs und der Entwicklung neuer Quartiere auf heutigen Brachflächen wie Dreispitz, Klybeck, Hafen oder Güterbahnhof Wolf.

Da würde es sich lohnen, in einen unabhängig geleiteten Innovationsfonds zu investieren, der diesen grössten Wachstumsschub seit 100 Jahren verdauen hilft. Dieser Fonds könnte Basel als Katalysator dienen, um Blockaden zu lösen. Er würde etwa eine Mediation zwischen Streitparteien bezahlen (zum Beispiel im Fall Lysbüchel), ein Experiment mit neuen Wohnformen unterstützen, einem Not leidenden Museum Überbrückungskredite gewähren, eine Kommunikationsmassnahme finanzieren, Jugendliche für einen Stadtentwicklungs-Wettbewerb mobilisieren oder die Beschleunigung einer Planung ermöglichen.

Schon ein Topf mit 40 Millionen Franken pro Jahr, begrenzt auf die nächsten zehn Jahre, könnte Wunder bewirken. 40 Millionen in einen Wachstumsfonds entsprechen 1% des kantonalen Jahresbudgets (ohne Umsatz der Kantonalbank). Wer hat es erfunden? Nein, diesmal ist es nicht Ricola, sondern die Migros mit ihrem traditionellen «Kulturprozent».