Wochenkommentar
Warum die Struktur der Raiffeisenbank «schlicht falsch» ist

In seinem Wochenkommentar zur Affäre Vincenz und wie es dazu kommen konnte, schreibt Beat Schmid, Stv. Chefredaktor der «Schweiz am Wochenende»: «Das System Vincenz wäre nicht möglich gewesen ohne das System Raiffeisen.»

Beat Schmid
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Kein Rücktritt: Patrik Gisel bleibt Chef der Raiffeisenbank. (Archiv)

Kein Rücktritt: Patrik Gisel bleibt Chef der Raiffeisenbank. (Archiv)

KEYSTONE/ENNIO LEANZA

Diesen Freitag lud die Raiffeisen-Führung zur zweiten Pressekonferenz innerhalb einer Woche. Mit dem sofortigen Rücktritt des Präsidenten, der Ernennung eines Interims-Präsidenten und der Nomination von zwei neuen VR-Mitgliedern sollte ein Neubeginn markiert werden. Ein Schlussstrich unter die Ära Vincenz ist damit noch nicht gezogen. Dazu braucht es weitere personelle Wechsel an der Spitze, eine unabhängige Untersuchung der Vorkommnisse sowie tiefgreifende Reformen, welche die Bank auf ein solides Fundament stellen. Denn eines hat sich gezeigt: Das System Vincenz wäre nicht möglich gewesen ohne das System Raiffeisen.

Die Struktur der drittgrössten Bankengruppe der Schweiz ist «schlicht falsch», urteilt der emeritierte Bankenprofessor Hans Geiger. Nur waren echte Reformen am Widerstand an der Zentrale in St. Gallen gescheitert, wo zwischen 1999 und 2015 nur einer sagen hatte: CEO Pierin Vincenz. Wer den Banker gefragt hatte, wie er es schafft, seine Macht in der Raiffeisen-Gruppe zu sichern, bekam die Antwort: «Ganz einfach. Ich führe nach dem Prinzip teile und herrsche.» Hinter der «divide et impera»-Doktrin steckt die Idee, eine zu beherrschende Gruppe in Untergruppen mit einander widerstrebenden Interessen aufzuspalten – mit dem Ziel, dass die Teilgruppen sich gegenseitig lahmlegen statt gemeinsam gegen den Feind vorzugehen.

Bei Raiffeisen ist das ähnlich. Es gibt die Zentralgenossenschaft in St. Gallen, die Raiffeisen Schweiz, die gross und mächtig ist. Und es gibt 255 übers Land verteilte Regionalgenossenschaften, jede für sich klein und unbedeutend. Dank der Kleinteiligkeit war es für Vincenz ein Kinderspiel, seine Position zu verteidigen – und mutmasslich illegalen privaten Geschäften nachzugehen. Obwohl es überdeutliche Zeichen gab, dass die Spitzenleute in der Zentrale abhoben – buchstäblich mit Helikoptern, aber auch mit Millionengehältern, Privatchauffeuren und teuren Dienstwagen – haben es die kleinen Genossenschaften nicht geschafft, eine schlagkräftige Opposition aufzubauen. Das ist doppelt bitter, da den Regionalgenossenschaften die Zentrale in St. Gallen zu 100 Prozent gehört. Sie wären also die eigentlichen Chefs, doch in der Zentrale haben sie nichts zu sagen. Die Machtverhältnisse sind auf den Kopf gestellt. Das nutzte Pierin Vincenz und seine Entourage aus.

In Aktiengesellschaften mit breit gestreuten Besitzverhältnissen wäre ein solcher Machtmissbrauch nicht vorstellbar. Muss Raiffeisen also die Struktur ändern, und wie die meisten Banken zu einer Aktiengesellschaft werden? Nicht unbedingt, sagt Hans Geiger. Denn eine Corporate Governance, die diesen Namen auch verdient, wäre auch bei einer Genossenschaft möglich. Dazu müsse man nur zur Migros blicken, wo die Macht besser verteilt ist. Die Migros besteht aus der Zentrale, dem MigrosGenossenschafts-Bund (MGB), und zehn regionalen Genossenschaften. Diese machen das Geschäft, sie haben Macht und Einfluss. Alle Regionalgenossenschaften sind im Migros-Verwaltungsrat vertreten. Sie betrachten den MGB-Chef als ihren Angestellten, den sie jederzeit in die Wüste schicken können. Bei Raiffeisen wäre das unmöglich.

Neben der Kleinteiligkeit mit 255 Regionalgenossenschaften gibt es eine weitere Erklärung, warum die Macht asymmetrisch zugunsten der Zentrale verteilt ist: Zwischen der Zentrale und den lokalen Banken gibt es noch die sogenannten Raiffeisenverbände. Die total 21 Verbände sind rechtlich als Vereine organisiert und «fördern und unterstützen die Verbindung» zwischen den Banken und der Zentrale, wie es in den Statuten heisst. Jede Raiffeisenbank ist einem Verband zugeteilt. Nach einem komplizierten Schlüssel werden aus diesen Verbänden die Delegierten bestimmt. Einmal im Jahr kommen die Delegierten zusammen, um den Geschäftsbericht der Raiffeisen-Gruppe abzunehmen und neue Mitglieder in den Verwaltungsrat zu wählen. Theoretisch könnten die Delegierten einzelne Verwaltungsräte abwählen. Doch das kommt nie vor. Die Delegierten haben auch keine Macht über den Konzernchef, den sie weder wählen noch abwählen können. Das kann nur der Verwaltungsrats selbst.

Wo müsste man ansetzen, um Raiffeisen zu modernisieren? Bankenprofessor Hans Geiger, der selten um eine Antwort verlegen ist, hat keine Patenlösung parat. Vor zwei Monaten habe er ein Mäppchen angelegt, in dem er seine Ideen für eine neue Raiffeisen-Struktur sammeln wollte.

«Das Mäppchen ist heute noch leer», sagt er und lacht. Wichtig wäre es, wenn die 1,9 Millionen Genossenschafter wie bei der Migros an Urabstimmungen teilnehmen könnten. Dieser Austausch mit den Genossenschafter wäre wichtig, gerade auch im Krisenfall, glaubt Geiger. Eine weitere Parallele zur Migros wäre, die Zahl der Genossenschaften massiv zu reduzieren. Wie wäre es, die 255 Raiffeisen-Banken in zehn schlagkräftige Regionalgenossenschaften zu verwandeln, um ein Gegengewicht zur Zentrale bilden zu können? Für Hans Geiger ist das eine Idee, die man prüfen müsste.

beat.schmid@schweizamwochenende.ch

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