Glosse
Teigwaren auf der Terrasse

Wie kamen Maccheroni, Krawättli und Hörnli auf die Terrasse? Was Jörg Meier aufgeschnappt hat, gibt ihm Rätsel auf.

Jörg Meier
Jörg Meier
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Der Mann hinter der Maske lamentierte laut. Erst hörte ich nicht hin, weil mir das ständige Passiv-Lamentieren verleidet ist. Doch dann entdeckte ich, dass der Mann kein gewöhnlicher Mainstream-Lamentierer war. Er schimpfte nicht über den Lockdown, geschlossene Beizen, unfähige Bundesräte oder das Impfdesaster. Er klagte auch nicht über den Unsinn der Sommerzeit oder die dummen Ingenieure, die ein Containerschiff bauen, das länger ist als der Suezkanal breit.

Der Mann hatte andere Sorgen. Auf der Terrasse seiner Terrassenwohnung an bester Lage hatte er innert weniger Tage mehrmals einzelne gekochte und ineinander verklebte Teigwaren gefunden. Beim ersten Mal waren es Maccheroni, da habe er sich noch nicht viel dabei gedacht. Doch dann lagen eines Morgens mindestens fünf verkochte Krawättli auf den edlen Bodenplatten, wiederum einige Tage später waren es Hörnli.

Ich spürte, dass sich der Mann vordergründig über die unverschämte Invasion der Teigwaren auf seiner Terrasse ärgerte – auch, weil er die klebrigen Dinger, die nicht aus seinem Haushalt stammten, entsorgen musste; aber durch den Ärger schimmerte auch Verunsicherung durch: Wie kamen Maccheroni, Krawättli und Hörnli auf seine Terrasse? Wer spielte ihm diesen geschmacklosen Streich? Oder steckte da doch mehr dahinter? Bisher hatte er sich doch mit den Nachbarn gut verstanden. Jetzt schwieg der Mann. Ich hätte ihm noch lange zuhören können.

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