Gastkommentar
Schweizer statt Sklaven

In seinem Gastkommentar zum Schweiz-Bashing bezüglich der Mitwirkung an der Sklaverei schreibt der freie Journalist und gebürtige Brasilianer Daniel Vizentini: «Nach dem Sklaverei- Verbot gingen Plantagebesitzer auf die Suche nach günstigen Arbeitskräften und fanden diese in den Migranten. »

Daniel Vizentini
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ALEX SPICHALE

Namhafte Schweizer Wirtschafts- pioniere, Financiers und Theologen beteiligten sich am Geschäft mit Sklaven», schrieb die «Schweiz am Wochenende» in ihrer letzten Ausgabe. Online sorgte dieser Artikel über das Aufarbeiten der Rolle von Schweizern als Sklavenhalter für eine rege Diskussion, in der einige Dampf abliessen.

«Jetzt wird auch noch der hinterste Mist nach oben gekehrt. Ich bin es satt, mich für die Taten meiner Ahnen verantworten zu müssen», lautete es da zum Beispiel, oder auch: «Gibt es wirklich keine Geschichte, die sich nicht eignet, Dreck über die Schweiz auszugiessen?»

Daniel Vizentini

Der gebürtige Brasilianer ist im Aargau aufgewachsen und hat in Buenos Aires Internationale Beziehungen studiert. Er schreibt als freier Journalist für die «Nordwestschweiz».

Gemeinden entledigten sich ihrer Sozialfälle

Spontan würde ich darauf antworten: «Nein, wahrscheinlich nicht.» Man könnte wohl zu allem die Schattenseiten aufzeigen. Vielleicht müsste man wieder mal schreiben, dass die Schweiz mit ihren Errungenschaften natürlich ein tolles Land ist. Doch sie ist Teil einer Welt voller Widersprüche. Viel interessanter fand ich deshalb folgenden, simplen Leserkommentar: «Wo es Sieger gibt, gibt es auch Verlierer.» Gemeint war, wie die Schweiz ihren Wohlstand eben auch auf dem Buckel anderer aufgebaut hat. Was mir an der Aussage gefallen hat, war aber, dass sie landesintern genau so funktioniert: Denn zur selben Zeit, als der brasilianische Kaffeeboom Schweizer Händlern – dank Sklavenarbeit – Reichtum verschaffte, arbeiteten arme, nach Brasilien ausgewanderte Schweizerinnen und Schweizer auf Kaffeeplantagen in sklavenähnlicher Situation. «Schweizer statt Sklaven» lautet etwa der Titel eines Buchs über die zweite Auswanderungswelle nach 1850, als auch in Brasilien die Einfuhr von Sklaven verboten wurde (die Sklavenarbeit an sich blieb dort bis 1888 legal). Das Einkommen der Kaffeebarone geschah also zuerst auf dem Buckel der Sklaven und dann der Einwanderer.

Von 1852 bis 1857 wanderten rund 2000 Schweizer nach Brasilien aus. Bevölkerungswachstum, die Abschaffung der freien Waldnutzung, das Aufkommen der mechanischen Weberei und der Import von günstigen Textilien führten hierzulande zu einer Verarmung der ländlichen Unterschicht, dazu brachten Kartoffelkrankheit und Ernteausfälle eine Ernährungskrise. Auswanderung war einer der Auswege, und Schweizer Agenten warben für Brasilien mit Schlaraffenland-Vorstellungen. Für die Gemeinden war dies eine Gelegenheit, sich ihrer Sozialfälle zu entledigen. Wer abmachte, nicht mehr zurückzukehren oder unbeliebte Dorfgenossen mitzunehmen wie unverheiratete Frauen samt ihren Kindern, zahlte weniger für die Reise. Zudem gab es Anreize der brasilianischen Regierung, die die lokale Bevölkerung europäisieren, sprich «weiss machen» wollte: Sie gab den Einwanderern anfänglich zinsfreie Reisevorschüsse und übernahm sogar die Reisekosten der Kinder.

Im Buch «Der Traum vom Glück» ist die Arbeit der Schweizer als Kaffeepflückende auf 25 Plantagen dokumentiert. Natürlich kann man ihre Leiden keineswegs mit der unglaublichen Grausamkeit vergleichen, welche die Sklaven über sich ergehen lassen mussten. Wenn hier von sklavereiähnlichen Praktiken die Rede ist, dann sind keine Peitschenhiebe oder sonstige Misshandlungen gemeint, sondern die Tatsache, dass die Schweizer Einwanderer finanziell reingelegt wurden und von Beginn weg in Schuldknechtschaft gerieten. Die Reisespesen waren nur bis zur Hafenstadt Santos berechnet worden, für die anschliessende Reise Hunderte Kilometer über Land bis zur Farm plus Verpflegung mussten sie sich bereits verschulden. Als sie ankamen, mussten sie die Hütten, die sie bewohnen sollten, selber fertigbauen. Werkzeug und Material dafür erwarben sie bei ihren Gläubigern zu überteuerten Preisen. Und als es mit der Feldarbeit endlich losging, reichte der Ernteertrag höchstens aus, um die Schuldzinsen zu zahlen. Immerhin liessen dies die Schweizer nicht auf sich sitzen, und eine Revolte um den Bündner Thomas Davatz führte später zu einem Ende der Schweizer Auswanderung in brasilianische Kaffeeplantagen.

Schuldgefühle alleine führen nirgends hin

Es geht mir hier natürlich nicht darum, die Schweizer Beteiligung an der Sklaverei zu minimieren. Ich will aber aufzeigen, dass das gemeine Volk in der Schweiz und anderswo nichts dafür konnte, ja sogar zum Teil selber unter die Räder kam. Klar profitieren wir alle in der Schweiz vom Geld, das auch heute nicht immer sauber erwirtschaftet wird – und wir sollten dies anerkennen. Trotzdem muss man sich als allgemeiner Büezer nicht angegangen fühlen, wenn etwa über die Schweizer Rolle im Zweiten Weltkrieg oder in diesem Fall im Sklavenhandel geschrieben wird. Heisst das, man sollte sich als Schweizer nicht mehr etwa über Waffenexporte in Kriegsländer, Waschen von Korruptionsgeldern oder unfairen Rohstoffhandel empören und allenfalls dagegen einsetzen? Nein, aber es geht darum, dass man sich nicht schuldig fühlen muss. Wahrnehmen, akzeptieren und künftig besser machen bringt die Welt eher weiter.