Erotik 2.0
«Peep» – mit Wall E im Bett

Gedanken zur Erwartung, Kuschelroboter würden uns bald die Liebe vereinfachen.

Max Dohner
Max Dohner
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Die Gummipuppen der Firma Abyss Creations reifen zu vollwertigen Sexrobotern heran.

Die Gummipuppen der Firma Abyss Creations reifen zu vollwertigen Sexrobotern heran.

Getty Images

Wenn sich dereinst der Roboter zu uns ins Bett legt, gleich welchen Geschlechts, ist Ungewöhnliches nicht zu erwarten. Die Missverständnisse werden sich gleichen. Auch die Komik, die volatilen Stimmungen, unschuldig zu fühlen und verludert zu handeln ... Flüchtige Schimären werden wieder durchs Schlafzimmer wehen von Freuden und Wundern und das Herz schlagen lassen, ob aus Bangigkeit oder bis nach oben, am Himmelstor. Einzig das «Animal triste», ans alte Physiologische gebunden, wird sich wandeln zur «machine neutre». Kurz: Auch mit Robotern klappt nichts auf «Peep» im Bett.

Dem Roboter ist der Ausgang des Stelldicheins schnuppe, Interruptus oder Orgasmus egal. Nicht die Blechbüchse ist kompliziert, nur der Erbauer. Kompliziert – und dann wieder sehr simpel, allzu doof. Was uns widerfahren kann, wenn wir einen Sexroboter via ricardo.ch nach Hause bestellen – «diskret verpackt als Heimwerker-Set» –, kann man sich leicht ausmalen.

Ausmalen, indem man von einer Erfahrung heute auf morgen schliesst. Die Erfahrung heute ist das Dudelradio, das uns in jedem Lokal, in jedem Shop ungefragt quält. Wie könnte man uns akustisch doch verwöhnen! Subtil, zärtlich, mächtig, engelsgleich. Aber nein, man mutet uns den plattesten Müll zu. Darum ist eine Furcht absolut begründet: Die gleichen Zampanos, die heute das Dudelradio programmieren oder die Videos für die Bildschirme im Fastfood-Restaurant, basteln morgen mit Sicherheit am Programm für Liebesroboter. Idioten werden die armen Roboter vollstopfen mit dem Rosaschleifen-Kitsch aller Valentinstage der Welt. Und sie flöten lassen auf dem erotischen Irrsinns-Niveau von nachtspäter TV-Sexreklame.

Wodurch der Single der Zukunft (man atmet erleichtert auf, das nicht mehr erleben zu müssen) eines unbedingt lernen und beherzigen sollte: «Sorry Zuckerberg, sorry Google und Microsoft – mir kommt kein Liebesroboter in die Pfanne, den ich nicht selber programmiert habe!» Und wie sollte man den programmieren? Ach, mit Musik, wirklicher Musik, mit Poesie und Gebet, mit den Skulpturen des Traums – alles Dinge, die man kennt, die man längst auch nutzen kann, wäre bloss etwas Geist und Seele im Spiel.

Und darum wird das keine Bereicherung sein. Weil keine Maschine, nur der menschliche Geist die Dinge in leer und erfüllt, lebendig oder tot, in wesentlich und unwesentlich unterscheiden kann. Für beides hat der Mensch die freie Wahl. Tut er etwas, das ihn und andere auf irgendeine Weise hinaufzieht? Oder tut er zu viel, das ihn und andere bloss herabsetzt? Er macht sich schuldig, wenn er das Falsche wählt. Wählt er den Roboter, muss er sich im Klaren sein, dass er sich da nicht erfüllt, sondern entleert.

Uns dergleichen aufzuschwatzen als das tollste Gadget der Zukunft, ist infam. Versprochen werden – einmal mehr – technische Tricks, womit sich ein verwirrender Vorgang denkbar einfach lösen lässt – Liebe wie im Traum minus Partner plus Sex. Als wäre das etwas mit Überdruck und Ventil wie beim Dampfkochtopf. Einige gehen bereits so weit, den Sexroboter anzupreisen als multifunktionales Gerät, womit man nach der Party das Schlafzimmer auch staubsaugen kann.

Die Verwirrung zwischen Werkzeug und Geist ist so alt wie der Mensch. Sie rührt letztlich wohl daher, dass der Mensch träumt. Sich seiner Träume entsinnt und Traum neben Wirklichkeit stellt, wobei nie restlos zu klären ist, was mehr wiegt: der Traum oder die Realität. Und beides wechselweise als das Andere erscheint, etwa dort, wo jemand sagt: «Das war als Traum wahrhaftiger als die Welt.» Oder umgekehrt: «Gesteigert wird der Traum erst durch Wirklichkeit.»

Denken wir an den ersten Träumer, an Pygmalion. Der sich selber eine Figur schuf, um ganz erfüllt in Liebe zu sein. Pygmalion erreichte ein Niveau, das sein Bild, seine künstliche Frau «lebensecht» wirken liess. Natürlich lebte sie deswegen noch lange nicht real. Erst nachdem Pygmalion die Götter angerufen hatte, in aller Inbrunst und Devotion, Venus, um genau zu sein, belebte sich das Traumbild und wurde zur Geliebten, zu Galatea, zu Fleisch und Blut.

Wen rufen wir an, wenn uns der Roboter nichts schenkt von dieser Kunst? Die Typen in T-Shirt und Tennisschuh vom Silicon Valley? Man müsste ihnen endlich das Handwerk legen. Sie infantilisieren viel zu lange schon Seele und Gefühl.

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