Medienkritik
Männer und Feminismus: Ein Missverständnis

Wie Medien bei einem komplexen Thema in die Schwarz-Weiss-Falle getappt sind.

Laura Gianesi
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Männer und Frauen am Women's March in Zürich

Männer und Frauen am Women's March in Zürich

KEYSTONE

Der Artikel vom letzten Dienstag sorgte für empörte Kommentare und angeregte Diskussionen. Ein Zitat, das als Einstieg in ein vielschichtiges und komplexes Thema verwendet wurde, ist zum Auslöser der bekannten Anschuldigungen geworden, dass der Feminismus gegen den Mann arbeitet und ihn ausschliesst.

Ein Bild wird bei den Lesern zurückbleiben: Hier haben wir’s wieder. Feminismus ist nichts für weibliche Frauen. Sondern nur für Männerhasserinnen. Die NZZ am Sonntag seufzte: „Den Männern, die (am Women’s March) mitliefen, wurde wenige Tage später in den Medien vorgeworfen, sie hätten am Women’s March nichts verloren. (...) Das Resultat? Die männlichen Feministen trollen sich und wettern über die „Feminazis“, die sie vertrieben haben.“

Und 20 Minuten verkündete: „Jetzt gibts weibliche Haue für männliche Feministen.“ Mit diesen Klischees des Geschlechterkampfs helfen die Medien, die dieses komplexe Thema so oberflächlich aufgegriffen haben, der sexistischen Abstrafung des Gleichberechtigungsbestrebens. Und auch Tillate thematisierte die weibliche Ausgrenzung der Männer aus dem Feminismus und schrieb dagegen an.

Was von diesen Zeitungen diskutiert wurde, ist aber nur das zweite Zitat aus einer Reihe von Zitaten, das im ursprünglichen Artikel genannt wird – „Männer können nicht für uns Frauen sprechen. Das wäre patriarchalisch, gönnerhaft, von oben herab.“ Das war der Ausgangspunkt der ganzen Diskussion im Artikel darüber, dass eben auch Männer sich für Gleichberechtigung einsetzen können, sollen, und selbst davon profitieren.

Ob sie dabei „Pro-Feministen“ oder „Feministen“ sind, bezieht sich nur darauf, dass Männer an anderen Strukturen leiden als Frauen, und sich deshalb nicht im selben Masse für Frauen einsetzen können, aber dafür für sich selbst – Männer werden zum Beispiel als Schwächlinge belächelt, wenn sie sich um die Kinder kümmern statt zu arbeiten, oder wenn sie weinen.

Frauen hingegen verdienen bei derselben Arbeit noch immer weniger und werden noch immer abgestraft, wenn sie sich gegen das traditionelle Familienmodell entscheiden oder kinderlos bleiben.

Der Artikel vom Dienstag hat dargestellt, wie auch Männer unter traditionellen Geschlechterrollen leiden können. Hat das Thema der „toxischen Männlichkeit“ angesprochen. Hat thematisiert, dass Männer und Frauen in unterschiedlicher Weise unter den jeweiligen Erwartungen leiden, die man mit ihrem Geschlecht verbindet. Dass deshalb wir alle ein Interesse am Feminismus haben sollen, der diese Klischees hinterfragt und durchbricht. Damit wir alle zu Individuen werden können, und nicht nur stereotype „Männer“ oder „Frauen“ bleiben.

Diese Medien hätten aus dem Artikel also genauso gut dieses Thema aufgreifen können. Aber das wäre komplexer als die bekannten Feministen-schliessen-Männer-aus-Argumente. Und dafür hätte man den ganzen Artikel lesen und diskutieren müssen. Nicht nur das zweite Zitat.