Wochenkommentar
Es wird Weihnachten. Egal, woran Sie glauben

In seinem Wochenkommentar schreibt Pascal Hollenstein, Leiter Publizistik bei CH Media, über den politischen Umgang mit Religion.

Pascal Hollenstein
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«Wer unter Dauerverdacht von rechts steht, der sollte nicht in die Falle der politisch hyperkorrekten Sprache tappen.» Die Integrationsbeauftragte der deutschen Bundesregierung Annette Widmann-Mauz.

«Wer unter Dauerverdacht von rechts steht, der sollte nicht in die Falle der politisch hyperkorrekten Sprache tappen.» Die Integrationsbeauftragte der deutschen Bundesregierung Annette Widmann-Mauz.

Keystone

Die «Bild»-Zeitung ist noch immer ein einigermassen verlässlicher Barometer für die politische Stimmungslage in Deutschland. In diesen vorweihnachtlichen Tagen liess es das Blatt mal wieder so richtig krachen: «Widmann-Mauz schafft Weihnachten ab», titelte es.

Was folgte, war eine jener erhitzten Debatten, in denen unsere nördlichen Nachbarn eine einsame Meisterschaft entwickelt haben. Wie immer ging es gleich ums grosse Ganze: das christliche Abendland. Die Islamisierung des alten Kontinents. Der Zerfall der Gesellschaft. Finis germaniae, finis europae.

Den wenigsten «Bild»-Lesern dürfte Annette Widmann-Mauz zuvor ein Begriff gewesen sein. Hier kennt sie ohnehin keiner. Deshalb der Reihe nach: Widmann-Mauz ist Integrationsbeauftragte der Bundesregierung. Das Amt an sich macht sie schon zur beliebten Zielscheibe der gemeinen Wutbürger, die generell lieber von Grenzschliessungen fantasieren, statt sich mit Integration herumzuplagen.

Nun aber hatte Widmann-Mauz eine Weihnachtskarte versandt, ohne dabei den Begriff «Weihnachten» zu verwenden. Vom Christkind ganz zu schweigen. Stattdessen standen da schlicht gute Wünsche zu lesen, «egal, woran Sie glauben».

Gewiss, das war nun nicht sonderlich klug. Wer unter Dauerverdacht von rechts steht, der sollte nicht in die Falle der politisch hyperkorrekten Sprache tappen. Dennoch ist der Furor, der sich an Widmann-Mauz entlud, beeindruckend. Die Karte sei eine «bodenlose Arroganz» gegenüber den Opfern des islamistischen Terrors, hyperventilierte die AfD. Es handle sich um eine «Anbiederung und Unterwerfung».

Widmann-Mauz, so der Tenor auch in den sozialen Medien, habe das christliche Abendland verraten. Genauso wie ihre Chefinnen und Parteikolleginnen Merkel und Kramp-Karrenbauer.

Überdrehte Debatte

So überdreht die Debatte ist, so eindringlich zeigt sie eine Bruchstelle auf, die auch in der Schweiz in den vergangenen Jahren eine wachsende Bedeutung erhalten hat. Religion ist zu einer eifrig gebrauchten und missbrauchten Folie für die politische Rechte geworden.

Im Grunde ist das paradox: Auf einer formellen Ebene ist der christliche Glaube in Europa ein Auslaufmodell. Die Kirchen sind leer, die Zahl jener, die aus den staatskirchenrechtlichen Körperschaften austreten und sich zu Atheisten oder Agnostikern erklären, ist höher denn je zuvor. Wirklich Gläubige dürften mittlerweile eine kleine Minderheit bilden, die Schweiz ist, etwas zugespitzt formuliert, ein heidnisches Land.

Dennoch sind Begriffe wie «christlich», «Christentum» oder das viel zitierte «christliche Abendland» nicht etwa zu politischen Ladenhütern verkommen. Sie werden – ganz im Gegenteil – als rhetorische Keule von Kreisen eingesetzt, für die Nation und Religion schon immer verwandte Begriffe waren.

Mit der alten Christlichdemokratie haben diese Positionen nichts gemein. Es geht hier nicht um die politische Übersetzung etwa der christlichen Soziallehre in die parlamentarische Praxis, sondern um die Abgrenzung einer vorgestellten Gemeinschaft von «uns» zu den anderen, wobei mit den «anderen» zumeist Muslime gemeint sind.

Zu beobachten ist das nicht nur in Ungarn, Polen oder in Deutschland, sondern auch in der Schweiz. Die SVP etwa bekennt sich in ihrem Parteiprogramm zur «christlich-abendländischen Kultur der Schweiz» und folgert daraus die Unterstützung von Minarett- und Burkaverbot – was ausgerechnet die Kirchen anders oder zumindest differenzierter sehen.

Der Rückgriff auf das Christentum als vorgebliche kulturelle und politische Klammer ist gewiss keine neue Figur. Unbedenklich ist er dennoch nicht. Der Historiker Michael Wolffsohn etwa hat den Begriff «christliches Abendland» auch schon als «geistigen Müll» bezeichnet und darauf hingewiesen, dass er über weite Strecken eher auf Fiktionen denn auf Fakten beruht.

Viel grundsätzlicher noch muss man argumentieren: Wer das Christentum vor den nationalkonservativen Karren spannt, der denkt in exakt den gleichen Gesetzmässigkeiten wie der türkische Präsident Erdogan. Man ersetze einfach Christentum durch Islam.

Inspirierende Religion

Weihnachten böte Gelegenheit, derartige politisch-religiöse Verquickungen zu überdenken. Vor allem wäre es ein guter Moment, um sich mit dieser inspirierenden Religion, die sich Christentum nennt, ernsthaft auseinanderzusetzen. Wie in anderen Religionen auch bildet mangelndes religiöses Wissen nämlich den Boden, auf dem die politische Instrumentalisierung des Christentums ihre faulen Blüten treibt.

Widmann-Mauz hatte also unrecht. Sie hätte allen «Frohe Weihnachten» wünschen sollen. Und zwar «egal, woran Sie glauben».