Analyse
Ein kleiner Pieks – für die Menschheit?

Zum Impfstart in der Schweiz: Die Erstgeimpften waren einfach zuerst dran. Oder ist da mehr dran?

Christoph Bopp
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Historisch: Impfstart in einem Pflegeheim im Katon Luzern.

Historisch: Impfstart in einem Pflegeheim im Katon Luzern.

CH Media

«Etwas schwierig» sei es gewesen, twitterte Nicole Meier, Chefredaktorin von Keystone- SDA, bis der Fotograf die Lizenz zum Knipsen erhalten habe. Aber es hat dann geklappt. Schliesslich handelt es sich um einen historischen Moment: Die erste Impfung gegen Covid-19 auf Schweizer Boden. Zweifellos «von öffentlichem Interesse».

Geimpft: Joe Biden, erster US-Präsident nach Trump.

Geimpft: Joe Biden, erster US-Präsident nach Trump.

Carolyn Kaster / AP

Nein, natürlich keine Namen. Oder doch: Joe Biden, der erste US-Präsident nach Trump, und Bibi Netanjahu, Israels Ministerpräsident, liessen sich auch beim Gepiekst-werden ablichten. Die müssen. Hinhalten? Oder sich pieksen lassen? Wohl beides. Sie waren wahrscheinlich nicht die Ersten. Aber sonst wichtig.

Auch geimpft: Bibi Netanjahu, Israels Premierminister.

Auch geimpft: Bibi Netanjahu, Israels Premierminister.

Amir Cohen/AP
Patient Nummer 2: William Shakespeare aus Warwickshire.

Patient Nummer 2: William Shakespeare aus Warwickshire.

Jacob King/Keystone

Die Engländer hatten es geschafft, – als immerhin zweiten Patienten – dem 81-jährigen William Shakespeare aus Warwickshire eine Dosis zu verpassen. Schon sein Elisabethanischer Namensvetter wusste, dass es «mehr Dinge zwischen Himmel und Erde gibt, als unsere Schulweisheit sich träumen lässt». Aber wir dürfen guter Dinge sein, denn: «All’s well that ends well» – hier ist für einmal das Deutsche bündiger: «Ende gut, alles gut».

Patient Nummer 1: Margaret Keenan erhielt als Erste den Pfizer/Biontech-Impfstoff.

Patient Nummer 1: Margaret Keenan erhielt als Erste den Pfizer/Biontech-Impfstoff.

Jacob King/Keystone

Margaret Keenan – ob die Dame wirklich so «keen on» (erpicht auf) den Impfshot war, wissen wir nicht. Aber sie ist erstens die erste, die in England geimpft wurde, und zweitens sollten die Sprachspielereien ja erst mit Shakespeare II. anfangen. Aber wie jeder weiss: Beim Impfen gibt es Nebenwirkungen. Und manchmal eilen die gar der Hauptwirkung voraus. Und sie war drittens, wenn man der Fama Glauben schenken will, die erste Person auf der Welt, die den Pfizer/Biontech-Impfstoff verpasst bekam.

Mrs. Keenan ist 91, die unbekannte erste Schweizer Geimpfte im Kanton Luzern ist 90. Das bringt uns zurück zur Frage: Warum war es «etwas schwierig»? Was ist denn dabei, sich impfen zu lassen? Warum soll man sich nicht fotografieren lassen beim Impfen? Wie es ist in Great Britain, wenn man «in der Zeitung kommt», ist schwer abzuschätzen. Aber früher war das nicht unbedingt etwas, um das sich Otto und Ottilia Normal-Schweizerin riss. Erst «ins Färnsee» wollen jetzt alle kommen.

Natürlich, es ist reiner Zufall. Jemand muss der Erste, die Erste sein. Und es ist möglich, nichts dabei zu finden, dass man sich impfen lässt. Trotz aller Impfgegner und Impfskeptiker überall. William Shakespeare nahm es auch cool. Und man impft ja schliesslich, um sich zu schützen. Obwohl Megatonnen an Hoffnung an der Ankunft des Impfstoffs hängen. Denn je mehr Leute nicht angesteckt werden können, desto mehr verlangsamt sich die Pandemie. Auch wenn noch nicht klar ist, ob die Impfung auch wirklich sterilisierend ist; das heisst: ob Geimpfte das Virus nicht weiter geben können.

Im Frühling hörte man oft den Ratschlag: Trainiere dein Immunsystem! (Womit auch immer – Vitaminen, frischer Luft oder Bodybuilding.) Das klingt für uns vertraut. Wir sind doch eigenverantwortlich. Wir kennen nichts anderes. Wie wir auch dauernd an unserer Selbstoptimierung arbeiten müssen. Wenn uns die Covid-19-Pandemie allerdings eines klar gemacht hat, dann dies: Es gibt nur Co-Immunität. Das Virus verursacht Schäden, ob ich es habe abwehren können oder nicht. Es ist unser gemeinsames Problem. Lösen können wir es nur gemeinsam. Natürlich ist es nicht das einzige dieser Sorte. Aber der Zeitgeist hat uns etwas vergessen lassen, dass es diese Sorte von Problemen gibt. Oder liegt es an sprachlichen Finessen? Am Unterschied zwischen Eigen- und Selbstverantwortung? Ich bin selbst für mein Eigenes verantwortlich? Oder: Ich weiss selbst, wofür ich allenfalls Verantwortung trage? Oder: tragen soll? Das wäre dann allerdings wieder moralisierend. Und das kommt auch nicht gut an.

Wer sich impfen lässt, tut so auch etwas für die Anderen. Er verhindert oder dämpft einen Ausbruch. Er ist ein bisschen ein Held. (Oder ein «Versuchskaninchen» – obwohl Mäuse die Lieblingsviecher der Wissenschaft sind.) Nun ist aber so, dass manche lieber nicht Held sein möchten. Und lieber nicht im Bild erscheinen.

Wir haben also einen historischen Moment, der ist dokumentiert im Bild, aber ohne den Namen. Klar, die Kollegen vom Boulevard kennen ihn schon. Bald werden wir ihn alle kennen.

Biden und Netanjahu müssen den Helden machen. Bei ihnen gilt: Held oder niemand. Auch bei uns gibt es Leute, die sagen: «Erst wenn ich sehe, wie Bundesrat Berset gepiekst wird, mache ich auch mit.» Und andere sagen: «Seht ihr, zuerst kriegen es wieder die Eliten. Und das gemeine Volch vielleicht gar nie.» So ist das mit dem Impfen. Neben- vor Hauptwirkung.