Gastkommentar
Die Implosion des Wissens

Adrian Lobe
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Adrian Lobe

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Die weltweite Attacke durch den Computerwurm «Wanna Cry», mit dem rund 200 000 Rechner in 150 Ländern infiziert und ganze Informationssysteme in Krankenhäusern lahmgelegt worden sind, kann auch als eine Geschichte von Wissens-Asymmetrien und Wissensverlust gedeutet werden. Den Hackern war gelungen, an das Wissen der NSA über unbekannte Sicherheitslücken in Windows zu gelangen und diese Informationen für ihre Attacke zu nutzen. Von der Cyberattacke waren auch zahlreiche Bildungseinrichtungen wie Universitäten, Forschungszentren und Schulen betroffen.

Nehmen wir als ein Beispiel Yang Lin, eine Journalismus-Studentin an der Zhejiang University of Media and Communications in China. Diese Yang Lin erzählte der Nachrichtenagentur «Reuters», was ihr am PC-Schirm passiert war. Gerade habe sie ihre Abschlussarbeit fertiggestellt, sagte Yang Lin, und das Word-Dokument geschlossen, als plötzlich ihr Bildschirm schwarz wurde und eine Nachricht der Hacker aufpoppte: «Zahle Lösegeld oder deine Daten werden gelöscht!» «Ich war mit dem Universitätsnetzwerk verbunden», sagte die Studentin. «Ich habe keinen einzigen Link geöffnet. Ich habe nur geschrien. Ich hatte Angst, es zu glauben, aber ich musste es akzeptieren.» Lin zahlte schliesslich, sonst wäre ihre wissenschaftliche Arbeit perdu gewesen.

Es sind bislang keine Fälle grösseren Datenverlusts bekannt, doch man stelle sich vor, eine Schadsoftware infizierte einen Unirechner und zerstörte mehrere Ordner samt Back-ups. Das Wissen wäre unwiederbringlich verloren. Dass dies kein Science-Fiction-Szenario ist, beweisen einige Beispiele aus der Vergangenheit. Die University of Calgary etwa bezahlte im vergangenen Jahr unbekannten Hackern bei einer Ransomware-Attacke 20 000 (kanadische) Dollar «Lösegeld», um gesperrte Forschungsdaten wieder freizuschalten. Unter anderem hatten die Hacker verschlüsselte Kopien von Dropbox-Ordnern erstellt und die Originale gelöscht. Die britische Bournemouth University wurde allein im Zeitraum August 2015 bis August 2016 21-mal Opfer einer Ransomware-Attacke. Die Wissenschaft befindet sich im Klammergriff der Cyberkriminalität.

Eine kontrollierte Form der Wissensentsorgung gab es in der Geschichte schon immer. Der britische Historiker Peter Burke beschreibt in seinem Buch «Die Explosion des Wissens», wie Wissen entsorgt wird, um Platz für neue Bestände zu schaffen. Im 18. Jahrhundert kam erstmals der Gedanke auf, Bücher nicht deshalb zu vernichten, weil sie ketzerisch oder subversiv waren, sondern weil sie schlicht nutzlos erschienen. In seinem 1771 publizierten Roman «Das Jahr 2440: Ein Traum aller Träume» beschreibt Sébastien Mercier die Utopie einer aufgeklärten Gesellschaft, in der bis auf ein paar wesentliche Werke alle Bücher vernichtet worden sind. Mit der Digitalisierung von Archiven und Büchern, die zum Teil nur noch als E-Book erscheinen, steuern wir auf die von Mercier beschriebene Zukunft zu.

Das digitale Zeitalter markiert nicht das Ende des Buchs und schon gar nicht das Ende der Kultur, genauso wenig löschen neue Speichermedien altes Wissen aus. Die Digitalisierung, und darin liegt ihre Ambivalenz, hat dieses Wissen einerseits demokratisiert, andererseits auch höchst verwundbar gemacht. Mit einem Klick sind Informationen überschrieben. Ein Computervirus, das vielleicht nicht nur die Abschlussarbeit eines Studenten, sondern ganze Wissensbestände löscht, hat die Qualität eines Flammeninfernos, das eine Bibliothek heimsucht. Wie fatal wäre es, wenn Forschungsergebnisse ganzer Institute entfernt würden! Der kulturelle Flurschaden, der durch die Zerstörung entstünde, wäre noch viel grösser als der finanzielle. Bei einem Bibliotheksbrand können vielleicht noch einzelne Exemplare gerettet werden. Bei einer Schadsoftware, die stündlich Dateien löscht, bis gezahlt wird, ist alle Information verloren. An diese Eventualität eines unkontrollierten Wissensverlusts ist bei der ganzen Cybersicherheitsdebatte noch kaum nachgedacht worden. Es mag alarmistisch klingen, doch eine konzertierte Attacke auf Bildungseinrichtungen würde unseren Wissenskorpus implodieren lassen. Es ist an der Zeit, dass man diese Gefahren aus dem Netz für die Wissensgesellschaft und auch die kulturelle Verachtung, die aus solch destruktiven Hackerangriffen spricht, ernst nimmt. Auch Wissen muss geschützt werden.