Kolumne
Auch «Le Temps» vor dem Aus?

Peter Rothenbühler
Peter Rothenbühler
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Eine Frau beim Lesen der Westschweizer Zeitung "Le Temps". (Symbolbild)

Eine Frau beim Lesen der Westschweizer Zeitung "Le Temps". (Symbolbild)

Das Ende des Magazins «L’Hebdo» kam nicht so überraschend, wie es der Chefredaktor Alain Jeannet oder der Gründer von «L’Hebdo», Jacques Pilet, jetzt darstellen: Seit Ringier 2014 beschloss, die Qualitätszeitung «Le Temps», die je zur Hälfte Ringier und Tamedia gehörte, ganz zu übernehmen, was von einigen Ringier-Leuten als fataler Fehlentscheid beurteilt wurde, konnten sich Journalisten, die die Zahlen kannten und nicht irgendwelchen Träumen nachhingen, an den Fingern abzählen, dass Ringier über kurz oder lang im kleinen Westschweizer Markt nicht gleich zwei Qualitätstitel, «L’Hebdo» und «Le Temps», wird halten können.

Ob der Kauf von «Le Temps» ein kluger Entscheid war, sei mal dahingestellt, sicher ist, dass das Prestige von «Le Temps» sowohl im Hause Ringier wie bei den Westschweizer Opinionleader höher liegt als das von «L’Hebdo», und Letzteres zuerst über die Klinge springen würde, sollten die Zahlen an den Verkaufsfronten weiter zurückgehen. «L’Hebdo» litt in den letzten Jahren nicht nur an einem fatalen Anzeigen- und Abonnentenschwund, sondern auch unter ein paar Abnützungserscheinungen. Es versuchte sein Heil, wie alle Nachrichtenmagazine, im Ausweichen auf sogenannte Soft-Themen wie Rückenschmerzen, Alpbeizli und Schulaufgaben und lag politisch als letzte Bastion der überzeugten EU-Fighter neben dem Zeitgeist des Welschlands, wo sich die EU-Skepsis seit der EWR-Abstimmung von 1992 auch weit verbreitet hat.

Sparmassnahmen ohne Wirkung

Das welsche Ringier-Management hatte den Kauf von «Le Temps» – fast möchte man sagen – durchgestiert, dann aber verzweifelt versucht, die Zahlen mit Sparmassnahmen ins Lot zu bringen, wozu auch der Umzug der «Le Temps»-Redaktion von Genf nach Lausanne in einen gemeinsamen Newsroom mit «L’Hebdo» gehörte, ein Experiment, das viele mit Skepsis verfolgten, weil die zwei Titel doch von unterschiedlicher Ausrichtung sind, «L’Hebdo» nach wie vor eher links, «Le Temps» viel wirtschaftsfreundlicher.

Doch die Mannschaft versah, unter der Leitung von zwei Chefredaktoren, die sich nicht immer grün waren, ihren Job recht gut und bewies, dass man sich schnell vom Magazin- zum Tageszeitungsjournalist wandeln kann, und umgekehrt – wenn man muss. Doch praktisch alle klagten hinter vorgehaltener Hand (Angst vor Entlassungen) über die härteren Arbeitsbedingungen.

Jetzt kündigte der Verlag an, dass er alle Kräfte auf die Erhaltung und Verstärkung von «Le Temps» konzentrieren will, die «NZZ» des Welschlands, die sogar mit einem neuen Samstagsmagazin namens «T» ausgestattet wird. Das ist eine gute News. Sofern man bei «Le Temps» selbst auch daran glaubt, dass es jetzt weitergeht: ausgerechnet der Chefredaktor himself, Stéphane Benoit-Godet, gab vor einer Woche auf der Seite 1 von «Le Temps» bekannt, dass die letzte Zeitung 2021 gedruckt wird. « Le dernier journal sera imprimé en 2021» titelte er zum Erstaunen der Leser am 19. Januar sein Editorial. Da es für alle Kenner klar ist, dass eine Zeitung wie «Le Temps» keine wirtschaftlichen Überlebenschancen hat, wenn sie allein in der digitalen Version auf Internet erscheint, kann man dieses Statement nur mit einem grossen Kopfschütteln aufnehmen.

Chef glaubt nicht mehr an sein Produkt

Es bedeutet nämlich nicht weniger, als dass der Mann, der «Le Temps» auf Vordermann bringen sollte, offenbar nicht mehr an sein Produkt, den gedruckten «Le Temps», glaubt. Im Gegensatz zu den wichtigsten Anzeigenkunden, die immer noch einen Auftritt im Print vorziehen: Printanzeigen sind für Luxusprodukte, Banken und schöne Autos immer noch ein Must – und bringen den Verlagen auch mehr Geld als Werbung im Internet.

Allerdings muss man Benoit-Godet zugutehalten, dass er – leider – nicht der einzige Zeitungsmann ist, der solche Hiobsbotschaften verbreitet. Es ist geradezu Mode geworden, die eigenen Fehler und Misserfolge dem Genossen Trend in die Schuhe zu schieben und festzuhalten, es wandere sowieso bald der ganze Journalismus ins Internet. Das ist eine völlige Verkennung der Stärke von Printtiteln, die m. E. eine grosse Zukunft haben: nicht alle, und nur, wenn sie nützlich sind, nämlich lokal ausgerichtet, oder, wenn überregional, qualitativ exzellent gemacht.

Wir «Le Temps»-Leser können nur hoffen, dass Benoit-Godet völlig falsch liegt. Wenn nicht, wird es schon bald wieder eine Hiobsbotschaft aus Zürich geben. Und die Westschweiz wird um einen weiteren Zeitungstitel ärmer sein.

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