Kommentar
Versprechen nützen nichts gegen Kälte: Tausende Flüchtlinge harren in Bosnien aus

Wie die Flüchtlinge verteilt werden sollen, die über die Balkanroute oder über das Mittelmeer an die europäischen Grenzen gelangen, ist weiterhin völlig unklar.

Samuel Schumacher
Samuel Schumacher
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Migranten laufen zum Lipa Camp in der Ortschaft Bihac in Bosnien.

Migranten laufen zum Lipa Camp in der Ortschaft Bihac in Bosnien.

Keystone

Sie stehen da in nassen Decken, ohne Winterjacken und ohne Hoffnung auf baldige Besserung: Während Europa darüber diskutiert, in welche Länder man im Sommer mit oder ohne Impfpass wird reisen können, harren rund 8000 Flüchtlinge im bosnischen Norden in der winterlichen Kälte aus. Mehr als 100 Millionen Franken sind seit 2017 an das Balkanland geflossen, damit es sich um die gestrandeten Migranten kümmern kann.

Doch der in sich zerstrittene Kleinstaat scheitert bislang kläglich an der an sich überschaubaren Aufgabe. Statt in geheizten Unterkünften hausen Tausende Flüchtlinge in Ruinen oder schlafen unter freiem Himmel im Wald. Statt medizinischer Versorgung drohen ihnen Prügel von kroatischen Polizisten, die sie an der EU-Aussengrenze aufhalten und zurückschicken.

Doch mit dem moralischen Finger auf den Balkan zu zeigen und die bosnische Regierung für das potenziell tödliche Versagen bei der Flüchtlingspolitik verantwortlich zu machen, greift zu kurz. An wem soll sich denn der EU-Anwärter Bosnien ein Vorbild nehmen? Am mächtigen Länderbund selber wohl kaum.

Die EU hat es bislang nicht geschafft, einen verbindlichen neuen Migrationspakt zu unterzeichnen. Wie die Flüchtlinge verteilt werden sollen, die über die Balkanroute oder über das Mittelmeer an die europäischen Grenzen gelangen, ist weiterhin völlig unklar. Dieses Jahr wolle man einen neuen Anlauf nehmen, verspricht die EU. Doch Versprechen allein nützen nichts gegen die eisige Kälte.