50 Jahre Frauenstimmrecht
Eine feministische Bittschrift: Männer, beginnt, zu reden!

Der Feminismus scheint sich vor allem um eines zu drehen: um Frauen. Dabei können wir nur gleichberechtigt sein, wenn Männer beginnen, sich Fragen zu stellen und mitzukämpfen, findet unsere Autorin. Eine feministische Bittschrift.

Anna Miller
Anna Miller
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Ohne Männer ist eine echte Gleichberechtigung nicht möglich.

Ohne Männer ist eine echte Gleichberechtigung nicht möglich.

Bild: Getty

Bitte helft uns. Ohne euch schaffen wir es nicht.

Es klingt wie ein schlechter Witz, den Mann zu bitten, den Frauen endlich die Gleichberechtigung auf allen Ebenen zuzugestehen. Eine Idee wie aus einem verklärten, sexistischen Märchen, ewiggestrig. Jetzt müsst ihr uns retten kommen? Ausgerechnet eine Feministin? Eine Frau, die einen Appell verfasst, der an die Güte des vermeintlich starken Geschlechts appelliert?

Redaktorin Anna Miller.

Redaktorin Anna Miller.

PD

Schrecklich, im Grunde. Aber wahr.

Denn die Ausgangslage ist die gleiche wie 1971: Ohne euch Männer schaffen wir das nicht. Wir sind 50 Prozent, ja, eine ganze Menge, ohne uns stünde alles still, schon klar, wir könnten eine Revolution anzetteln und die Gleichberechtigung erzwingen, rein mengentechnisch wäre das kein Problem. Doch wollen wir das? Ist das denn die Idee? Schon vor 50 Jahren waren wir auf euer Mitziehen angewiesen, in vielen Bereichen. Aufs Team. Darauf, dass wir uns gegenseitig den Rücken freihalten. Und auch schon damals gab es viele Männer, die mitgezogen haben. Und es selbstverständlich weiter tun.

Und noch immer aber gibt es zu tun. Wird uns Frauen so viel Gewalt angetan, werden wir überhört, ignoriert, subtil unter den Tisch gewischt oder gegen unseren Willen zur Schau gestellt, haben weniger Sichtbarkeit. Es hat sich sehr viel getan. Und doch fällt mir auf, dass die Übersetzung der feministischen Idee noch immer an etwas Zentralem krankt: Viele Männer meinen, sie seien nicht mitgemeint. Dass dieser Feminismus eine reine Frauenangelegenheit sei, dass sie das nichts angehe, dass es, noch schlimmer, gar nichts mit ihnen zu tun habe.

Das ist wohl eines der grössten Missverständnisse dieser Debatte. Männer sind nicht nur mitgemeint, sie sind notwendig für den Wandel. Und sie sind auch vom Patriarchat betroffen. Nicht nur, wenn es darum geht, dass sie nicht weinen, im Bett immer potent, im Job nie müde sein dürfen. Sondern auch, wenn sie knapp eine Woche Zeit haben für ihr neugeborenes Kind, obwohl sie doch genau das gleiche emotionale Anrecht auf Beziehung hätten. Doch es geht nicht nur um die vielen Bereiche, in denen Männer aufgrund ihres Geschlechts diskriminiert werden.

Es geht auch darum, dass ihr die Mehrheitsmeinung seid. Dass ihr automatisch in einer privilegierteren Situation steckt. Dass ihr über Jahrhunderte, Jahrtausende favorisiert wurdet. So war das. So ist das noch immer. Ich wurde zuerst wütend darüber, wollte zurückschlagen mit den gleichen Waffen, aber ich weiss, dass das nicht bringt.

Etwas anderes würde helfen.

Dass ihr Männer anerkennt, dass es so ist. Dass ihr anerkennt, welche Verantwortung darin liegt, ein Mann zu sein. Dass das sicher sehr schön sein muss und schwierig und komplex, so wie es auch schwierig, schön und komplex ist, eine Frau zu sein. Darin sind wir wohl gar nicht so verschieden.

Ja, ich weiss, ihr seid müde. Ihr könnt’s nicht mehr hören. Vielleicht, weil viele von euch gar nicht so recht wissen, was mit Hilfe gemeint ist. Weil ihr es nicht gewohnt seid, diese Fragen zu stellen, weil ihr schlicht nicht musstet. Jede weniger privilegierte Person in der Welt stellt sich automatisch und relativ früh schon die Frage, welchen Platz in der Welt sie hat. Das liegt in der Natur der Sache. Ich musste mich von Geburt an damit auseinandersetzen, dass ich eine Frau bin. Weil das im gleichen Atemzug beispielsweise bedeutet, dass ich körperlich unterlegen bin.

Ich muss mich damit auseinandersetzen, dass jede fünfte Frau in der Schweiz von sexueller Gewalt betroffen ist und ich jederzeit das nächste Opfer sein könnte. Und das nach wie vor verharmlost wird. Dass ich stärker auf mein Aussehen reduziert werde als ein Mann, als schwieriger im Umgang gelte, wenn ich meinen Mund aufmache, dass ich mich rechtfertigen muss, wenn ich mit 30 noch kein Kind habe. Mich in Acht nehmen muss vor Lohndiskriminierung. Immer wach sein, immer fordern, immer vorangehen, einstecken. All diese kleinen und grossen Dinge, die mitschwingen, weil ich eine Frau bin.

Ich würde mir wünschen, dass ihr offen seid für meine Lebensrealität. Zuhört. Dass ihr beginnt, Fragen zu stellen. Und auch beginnt, Fragen zu stellen an euch selbst. Euch fragt, was euch ausmacht, als Mann. Wie ihr euch fühlt, als Mann. Wie ihr umgeht, mit Menschen. Wann ihr vielleicht unbewussten Vorurteilen verfallt. Genauso, wie ich mir als weisse Frau Fragen stellen muss zu meiner weissen Überlegenheit, auch wenn ich sie nicht am eigenen Leib spüre, genauso solltet ihr Männer euch sensibilisieren. Ich weiss: Sich bewusst zu machen, dass wir in vielen Bereichen des Lebens Opfer und Täter sind, ist unbequem. Doch es ist nötig.

Ich bin es leid, als Feministin nur mit Frauen über Frauenfragen zu reden. Wie es uns geht und ob wir auf Augenhöhe mit euch leben können, geht euch was an. Gerade euch, die ihr nicht die Täter seid. Nicht beleidigt. Nicht herabwürdigt. Nicht ignorant seid. Die meisten Männer sind keine Täter. Aber alle Männer sind mitverantwortlich dafür, dass es weniger Täter gibt. Schweigen ist Mittäterschaft. Interveniert! Auf offener Strasse genauso wie am Familientisch oder auf politischer Ebene. Ihr seid Teil dieser Debatte. Beginnt, euch aktiv mit ihr auseinander zu setzen.

Fragt euch doch, was euch männlich macht.

Ob ihr jemals lieber eine Frau hättet sein wollen. Warum, warum nicht?

Bewundert ihr eure Partnerin? Wofür?

Was tut ihr, um einer Frau in einer Tiefgarage oder in einem Park Sicherheit zu vermitteln?

Wann habt ihr euch das letzte Mal unsicher oder verletzlich gefühlt, und was habt ihr dagegen getan?

Woran merkt ihr, ob eine Frau Körperkontakt möchte?

Woran merkt ihr, dass ihr selbst keinen wollt?

Was wäre eure erste Frage, wenn ihr erfahrt, dass eure Tochter vergewaltigt wurde?

Mit wem sprecht ihr über eure intimsten Gefühle?

Worin fühlt ihr euch von einer Frau nicht verstanden?

Was bräuchtet ihr, um euch an der Diskussion um Gleichberechtigung aktiver zu beteiligen?

Was hindert euch daran, das zu formulieren?

Seht ihr euch tatsächlich im Recht? Warum, warum nicht?

Seid ihr wirklich keine Feministen, wenn Feminismus bedeutete, dass wir uns alle so begegnen dürfen, wie wir wirklich sind?

Überlegt euch, welche Rolle ihr an unserer Seite einnehmen wollt. Und dann handelt.