Essay
Zwingli und die Insektenesser: Wie sich Zürich als Stadt der Freigeister vermarktet

Zürich feiert derzeit das 500-Jahr-Jubiläum der Reformation. Die Stadtvermarkter von Zürich Tourismus produzierten deshalb einen Film, um zu zeigen, wie Zürich sich mit seinem Reformator Huldrych Zwingli touristisch als Stadt der Freigeister neu vermarktet

Matthias Scharrer
Merken
Drucken
Teilen
Zwingli Zürich Tourismus
5 Bilder
Gotteskrieger mit strengem Blick: Das Zwingli-Denkmal von 1885 in Zürich.
Insektenburger von Essento.
Zwingli-Bibel von 1531.
Zwingli-Porträt von Jakob Stampfer.

Zwingli Zürich Tourismus

SEVERIN BIGLER

Zürich hat ein Problem: Man will das Reformationsjubiläum feiern, ohne allzu zwinglianisch zu erscheinen. Zwinglianisch heisst ja bekanntlich so viel wie lustfeindlich, ernsthaft, streng. Dieses Bild von Zwingli hat sich etabliert, über Jahrhunderte. Aber so streng, wie der grosse Zürcher Reformator Huldrych Zwingli vom Denkmalsockel vor der Wasserkirche gen Süden blickt, will sich Zürich heute eben nicht mehr geben. Und so muss zum ungewöhnlich langen Reformations-Jubiläum ein neuer Zwingli her.

Das hat natürlich auch Zürich Tourismus erkannt. Die Stadtvermarkter liessen deshalb einen Film herstellen, der den potenziellen Touristen einerseits Zwingli, andererseits und vor allem aber das heutige Zürich näherbringen soll. Damit das Werbefilmchen in der alltäglichen Bilderflut nicht untergeht, machten sie kürzlich per Medienmitteilung darauf aufmerksam.

Doch wie geht Zwingli-Zürich ohne den sprichwörtlichen Zwinglianismus? Das Zauberwort ist: freigeistig-progressiv! «Zürich war schon immer eine Stadt der Freigeister, der Progressiven», raunt eine Stimme aus dem Off, während im Film die Paradeansicht der Stadt mit See und Fluss erscheint. Hat man diesen freigeistigen Ansatz einmal begriffen, ist es ein Leichtes, Zwingli-Zürich neu zu erfinden. So geht es in schnellen Filmschnitten von der Erstausgabe der Zwingli-Bibel, die 1531 mit durchaus sinnesfrohen Illustrationen auf dem Titelblatt erschien, über den ETH-Klimaforscher Reto Knutti zum Insektenburger der Zürcher Firma Essento. Knutti und Essento-Mitgründer Christian Bärtsch werden kurzerhand zu Geistesbrüdern Zwinglis gemacht.

Von Reformation zu Revolution

Während der Grossmünster-Priester seine Reformation vor knapp 500 Jahren mit einem Wurstessen zur Fastenzeit einleitete, sollen nun Grashüpfer und Mehlwürmer den ganz grossen Umsturz bringen: Insekten-Bärtschi fordert eine «Revolution im Essverhalten». Und Klima-Knutti doppelt im Film nach: «Es braucht eine Revolution in der Gesellschaft und im Energiesystem.».

Reformation genügt nicht mehr. 500 Jahre danach muss schon mindestens eine Revolution her, lehrt uns Zürich Tourismus. Zwingli würde sich wohl im Grab umdrehen, könnte er sehen, was nun aus ihm gemacht wird. Nicht genug damit, dass es den modernen Begriff der Revolution zu seiner Lebzeit am Ende des Mittelalters noch gar nicht gab. Nein, mehr noch: Mehlwurm-Burger und Heuschrecken-Snacks statt Würsten sollen dem gemeinen Revolutionsvolk nun schmackhaft gemacht werden! Aber egal. Wir sind ja hier nicht im historischen oder theologischen Seminar. Und überhaupt: Vielleicht erfährt der Begriff Revolution derzeit seine Reformation. An einen gewaltsamen Umsturz denken dabei nämlich wohl weder Klimaforscher Knutti noch Insektenfood-Anbieter Bärtsch.

Dafür sprechen auch die Bilder im Film: Wir sehen schicke, urbane junge Leute, die auf einer Dachterrasse bei Sonnenuntergang freigeistig-progressiv in einen Burger beissen. Irgendjemand zupft dazu an einer Gitarre.

«Zürich bietet allen den nötigen Freiraum, um sich selbst und ihre Ideen zu verwirklichen», raunt die Stimme aus dem Off. «Schon immer. Und auch in Zukunft.»

Nur das "Amen" fehlt

Fehlt bloss das «Amen». Und der Hinweis, dass Zürich sich zunehmend zur «Leisure-Destination» entwickelt, wie Zürich Tourismus kürzlich in einer Mitteilung zur Entwicklung der letztjährigen Übernachtungszahlen schrieb. Auf Deutsch: Die Stadt lockt nicht mehr vor allem Geschäftsreisende an, sondern mehrheitlich Erholung Suchende.

Zu Geld gemacht wurde Zwingli übrigens schon in seinem Todesjahr 1531: Damals schuf der Zürcher Goldschmied Jakob Stampfer eine Münze, die ein lebensnahes Abbild des Reformators zeigt. Man kann ihn sich durchaus als Freigeist vorstellen.

Reformationsjubiläum

Zwingli auf fast allen Kanälen

500 Jahre Reformation: Die Jubiläumsveranstaltungen ziehen sich ungewöhnlich lange hin. Sie begannen bereits im letzten Jahr, als sich der Thesenanschlag des deutschen Reformators Martin Luther zum 500. Mal jährte. Der Zürcher Reformator Huldrych Zwingli nahm seine Tätigkeit als Prediger am Grossmünster 1519 auf; daher finden im Rahmen des Zürcher Reformationsjubiläums bis 2019 zahlreiche Veranstaltungen statt.

So läuft aktuell in der Kunsthalle Zürich die Ausstellung «Rob Pruitt: The Church», wo sonntags Pfarrer Gottesdienste abhalten (bis 12. Mai). Das Museum Strauhof zeigt noch bis 27. Mai die Ausstellung «Das Wort». Im Theater Neumarkt ist am 2. Mai das Musiktheater «Eingerockt und ausgesungen» zu sehen – eine fiktive Biografie Zwinglis. Zürich Tourismus bietet zudem regelmässig Stadtführungen zum Thema «Reformation in Zürich» an. (MTS)