Reisebericht

Zwei Urdorfer zwischen Hangen und Bangen in Indien

Für viele Menschen in Kalkutta ist die Strasse das einzige Zuhause.

Für viele Menschen in Kalkutta ist die Strasse das einzige Zuhause.

Romy Müller und Miro Slezak aus Urdorf reisen in drei sechsmonatigen Etappen mit ihrem VW-Bus von Urdorf nach Australien. Derzeit sind sie auf der zweiten Etappe unterwegs von Kathmandu nach Singapur. In Indien hilft nur Schmiergeld.

Auf der zweithöchsten Gebirgstrasse der Welt sind wir über fünf gewaltige Pässe vom Himalaja wieder ins indische Tiefland gereist. Jetzt, kurz vor dem Monsunbeginn, erreichen die Temperaturen Höchstwerte. In Varanasi zeigt das Thermometer 44 Grad. Staub und Hitze lassen die Landschaft unter einer Dunstglocke verschwinden. Das Land scheint in Lethargie verfallen zu sein und die Menschen warten auf den Monsun, der etwas Abkühlung bringt. Doch oft bringen die Regenfälle auch Überschwemmungen und Verwüstungen.

Wir fahren weiter in Richtung Osten, immer in der Hoffnung, unseren Traum zu verwirklichen und durch Myanmar (Burma) fahren zu können. Seit über fünf Monaten sind wir am Verhandeln. Von zehn Adressaten, die wir für eine Durchreisebewilligung angeschrieben haben, teilten uns neun mit, dass eine Einreise nur mit dem Flugzeug und nicht auf dem Landweg möglich sei. Nur Mister Tin, Inhaber einer Reiseagentur, schrieb, dass er alles versuchen werde, um das Unmögliche möglich zu machen.

Enttäuschende Absage

Seit Ende Januar sind Dutzende von Mails hin und her gegangen. Immer wieder haben wir neue Varianten, andere Routen gesucht, und Mister Tin bemühte sich beim Ministerium, die Genehmigungen zu erhalten. Vor einer Woche hat er uns geschrieben: «Nach der langen Zeit, in der wir in Kontakt stehen, fühle ich als wäre Miro mein Bruder und Romy meine Schwester. Deshalb habe ich alles in meiner Macht Stehende versucht, um eine Genehmigung für euch zu erhalten. Unglückliche Umstände haben dazu geführt, dass es nicht geklappt hat, was mir sehr leidtut.»

Die Absage ist eine grosse Enttäuschung für uns. Auf der ersten Etappe unserer Reise von der Schweiz nach Nepal ist uns alles gelungen. So haben wir beim fünften Versuch doch noch ein Visum für den Iran erhalten, und die Einreise nach Tibet blieb zwar bis zum letzten Tag eine Zitterpartie, hat aber dann doch geklappt. Immer kann man nicht so viel Glück haben.

Die Armut ist unbeschreiblich

Um nach Südostasien zu gelangen, bleibt uns jetzt nur noch die Verschiffung, denn auch für Tibet gibt es keine Bewilligung. So fahren wir nach Kalkutta (bengalisch: Kolkota). Für Reisende, die in dieser Stadt zum ersten Mal mit Indien in Berührung kommen, muss der Schock noch grösser sein: Die Armut hier ist unbeschreiblich. Ein Drittel der 4,5 Millionen Einwohner Kalkuttas lebt in Slums oder auf der Strasse. Am meisten überrascht mich immer wieder, dass trotz Elend und Armut die Kriminalität in Indien geringer ist als in Westeuropa. Nie versuchte jemand, uns zu bestehlen oder unser Auto aufzubrechen. Die Menschen scheinen ihr Schicksal als unveränderbar hinzunehmen.

Wir müssen nun hier so schnell wie möglich eine Agentur finden, die die Verschiffung unseres Autos organisiert. Auf eigene Faust ist das im undurchsichtigen Dschungel der indischen Bürokratie unmöglich. Zudem dürfen wir als Ausländer das Hafengelände nicht betreten.

450 Dollar für einen Stempel

Unter Reisenden ist der Hafen von Kalkutta berüchtigt. Die Beamten sollen korrupt sein und die Agenturen mit immer noch neuen Forderungen, sprich Gebühren, die zu bezahlen sind, den Preis in die Höhe treiben. Schriftliche Kostenvoranschläge kennt man hier nicht. Wir glauben nicht alles, was erzählt wird, und denken positiv. Doch als wir meinen, die grössten Hürden gemeistert zu haben, fordert der Zoll 450 Dollar Schmiergeld (dieser Betrag entspricht in Indien anderthalb Monatslöhnen eines Facharbeiters), damit er uns den Ausreisestempel in das Zolldokument des Autos macht.

Noch nie haben wir an irgendeiner Landesgrenze etwas für diesen Stempel bezahlen müssen. Wir wollen solche Machenschaften nicht unterstützen, doch es zeigt sich, dass wir keine Wahl haben. Wir sind «gefangen» in Indien, denn zurzeit könnten wir auf dem Landweg nur in Richtung Pakistan ausreisen, und das ist uns zu gefährlich. Unsere Nerven werden strapaziert, denn noch ist unser Auto nicht auf dem Schiff und wir wissen nicht, was uns noch erwartet.

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