Berta ist tot. Das Huhn hängt kopfüber vor dem Gartenhäuschen im Schülergarten Aemtler und blutet aus. Berta war eines von zwölf Hühnern im Garten zwischen Schulhaus Aemtler und Friedhof Sihlfeld in Zürich Wiedikon. Katrin Meyer und Natalie Lerch-Pieper leiten den Garten und hatten vor drei Jahren die Idee, auf einer kleinen Wiese auf dem Areal Hühner zu halten.

Zusammen mit den beiden Frauen kümmern sich heute rund 20 Freunde und Bekannte als Verein Kollektiv Huhnstrasse um die Tiere. Ein Team ist jeweils eine Woche zum Hühnerdienst eingeteilt, füttert, schaut zum Rechten und darf die Eier, die gelegt wurden, behalten.

Eines der Mitglieder hat Berta, die nur noch apathisch herumlag, heute sachgerecht getötet. Einige aus der Gruppe haben für solche Fälle einen Schlachtkurs besucht. «Es ist keine schöne Sache, ein Huhn töten zu müssen», sagt Katrin Meyer. Zur Hühnerhaltung gehöre das aber auch dazu, nicht nur die Freude an den Tieren und die Eier.

Mehr Hobbyhalter

Ein frisch gelegtes Frühstücksei auf dem Tisch wollen immer mehr Privatleute. Die Zürcher Kantonstierärztin will zwar nicht von einem Trend sprechen, die Hobbyhaltung von Hühnern für Eier nehme aber zu, sagt Regula Vogel. 2014 waren beim Veterinäramt 2424 Hühnerhalter registriert. Welche davon Hobbyhalter sind, wird nicht erfasst. Auch bei Grün Stadt Zürich ist zu erfahren, dass das Interesse an privater Hühnerhaltung vorhanden ist. Es werde aber keine Zunahme der Anfragen festgestellt.

Bertas Kolleginnen scharren, picken und gackern im vorderen Teil des Gartens. Wenn jemand da ist, können sie nach Belieben herumstreunen. Nur ein kleiner Zaun hält sie von den saftigen Krautstielen in den Beeten fern. Sind die Tiere allein, sind sie im 70 Quadratmeter grossen Hühnergehege mit Stall, in dem die Hühner auf mehreren Sitzstangen schlafen. Das Gehege ist mit einem zwei Meter hohen Zaun umgeben. Der ist überlebenswichtig, weil ein Stadtfuchs direkt neben dem Gehege lebt. Auch Marder werden vom feinmaschigen Zaun ferngehalten. «Das war das Teuerste, das wir anschaffen mussten», sagt Natalie Lerch-Pieper. Insgesamt haben sie rund 2000 Franken ausgegeben.

Bei Kleinhaltungen kontrolliert das Veterinäramt laut Regula Vogel nicht regelmässig, ob die Tiere korrekt gehalten werden, nur wenn Beschwerden eingegangen sind. Im schlimmsten Fall werden die Hühner beschlagnahmt. «Das passiert selten», sagt Vogel. Es sei schon mal vorgekommen, dass jemand Hühner, die er geschenkt bekommen hatte, in Harassen hielt. «Meist stösst man in solchen Fällen auf Einsicht», sagt Vogel, «weil die Halter die Tiere eigentlich gar nicht wollen.»

Von den ursprünglichen acht Hühnern im Aemtlergarten leben noch sechs. Es sind Hybridlegehennen, gezüchtet für grosse Betriebe. Da jede aber einen Makel wie etwa einen krummen Schnabel hat, wurden sie von keinem Bauern gekauft. Man merke, dass die Hühner als Legehennen gezüchtet wurden, sagt Natalie Lerch-Pieper. Die dreijährigen Tiere legen fast keine Eier mehr, obwohl sie zuvor täglich eines gelegt haben. Zudem sind sie anfälliger für Eileiterentzündungen.

Deswegen hat das Kollektiv kürzlich beschlossen, fünf neue, robustere Tiere anzuschaffen. Im Kollektiv werde immer wieder über strategische Entscheide diskutiert, sagt Katrin Meyer. «Dabei bilden sich Fronten zwischen den Tierfreunden, welche die Hühner als Haustiere sehen, und denen, die sie als Nutztiere auch regelmässig schlachten würden.»

Namenlose Neulinge

Ein Zeichen dafür ist auch, dass die fünf neuen Hühner im Gegensatz zu den älteren keine Namen haben. Bei Ida, Marta, Agnes und den anderen standen die Strassen im Quartier Pate. Sie sind auch zahmer als die Neulinge. «Zwar legen sie nicht mehr viele Eier, sie haben aber noch einen pädagogischen Auftrag», sagt Katrin Meyer und lacht. Viele Nachbarn und Schüler freuten sich darüber, mal ein Huhn berühren zu dürfen.

Gutes Einvernehmen mit den Nachbarn ist laut Kantonstierärztin das A und O der Hühnerhaltung im Garten. Gerade wer einen Hahn will. Die Nachbarn nicht zu stören, war auch der Grund, weshalb sich Katrin Meyer und Natalie Lerch-Pieper gegen einen Hahn entschieden haben. «Allenfalls wäre das eine Möglichkeit für die Zukunft, da die Hühner im Quartier akzeptiert sind.» Generell sei wichtig, dass man sich gut überlege, ob man die Betreuung der Tiere gewährleisten könne, sagt die Kantonstierärztin. Denn die Haltung sei aufwendiger, als die meisten denken. Gerade wenn die Tiere krank werden. Das sei für sie die grösste Überraschung gewesen, sagen die beiden Hühnerhalterinnen. «Zuerst hatten wir eine Milbenkrise», sagt Natalie Lerch-Pieper. Es sei schwierig gewesen, einen Tierarzt zu finden, der ihre wenigen Tiere betreute. So haben sie sich Tipps aus dem Internet geholt.

Momentan sind einige der Hühner von Federlingen befallen, läuseähnlichen Parasiten. Das ­bedeutet, dass die Hühner mit einem Mittel bepudert werden müssen. «Das ist ziemlich gruusig», sagt Natalie Lerch-Pieper. Die Parasiten hatten auch zum schlechten Zustand der bereits geschwächten Berta beigetragen. Weil sie wohl innere Entzündungen hatte, endet die Gartenhenne nicht im Suppentopf, sondern wird zur Kadaverstelle gebracht.