Der Zürcher Reformator Huldrych Zwingli starb 1531 auf dem Schlachtfeld bei Kappel am Albis. Sein Leichnam wurde der Überlieferung nach sogleich gevierteilt und verbrannt. Dadurch blieb ihm so manches erspart. Zum Beispiel das sprichwörtliche Sich-im-Grab-Umdrehen.

Die Frage, ob Zwingli sich im Grab umdrehen würde, sorgte in doppelter Hinsicht für Diskussionen, als gestern das Zürcher Reformationsjubiläum in der Helferei des Grossmünsters lanciert wurde: Würde er sich im Grab umdrehen, weil mit dem Wort «zwinglianisch» heute oft eine lustfeindliche Haltung verbunden wird – und das, obwohl Zwingli das Eheverbot für Priester abschaffte und angeblich gar Prostituierte aufsuchte? Oder würde er sich im Grab umdrehen, weil der von der reformierten Landeskirche, Stadt und Kanton Zürich getragene Verein «500 Jahre Zürcher Reformation» nun über Monate hinweg eine Show veranstaltet – und das, obwohl Zwingli in der Kirche die Abschaffung von Showelementen wie Bildern, Orgelspiel und Prozessionen durchsetzte?

So oder so: Zwingli bleibt aktuell – und wird gerade jetzt vielfältig aktualisiert. Die Zürcher Regierungsrätin Jacqueline Fehr (SP) etwa zeigt sich «stolz darauf, dass Zürich vor 500 Jahren an der Spitze einer Entwicklung stand, welche die Welt verändern sollte». Damit nicht genug: «Die Reformation hat unsere Vorstellungen von individueller Menschenwürde und Demokratie, von Freiheit und sozialer Verantwortung massgeblich mitgeprägt», doppelt Michel Müller nach, der Kirchenratspräsident der reformierten Landeskirche und Präsident des Vereins «500 Jahre Zürcher Reformation.» Wer also war Zwingli?

1484 in Wildhaus geboren, kam er als Fünfjähriger in die Obhut seines Onkels, der Dekan in Weesen war. Später studierte er in Wien und Basel und wurde 1506 Pfarrer von Glarus. Er begleitete Glarner Truppen nach Novara und Marignano. Das Kriegserlebnis mit den Schweizer Söldnern prägte ihn: «Der Kampf gegen Reislaufen, Pensionenwesen und die Abhängigkeit von fremden Fürsten wurde fortan ein Hauptanliegen Zwinglis und seiner Anhänger», schreibt der Historiker Thomas Maissen in seinem Standardwerk «Geschichte der Schweiz». Grossen Einfluss auf den jungen Zwingli übte auch das Wirken des Humanisten Erasmus von Rotterdam aus, der lange in Basel lebte und 1516 eine lateinische Neuübersetzung des Neuen Testaments herausgab. Zwingli stand zeitweise in regem Briefkontakt mit ihm. Auch die 1517 veröffentlichten Thesen des deutschen Reformators Martin Luther beeinflussten ihn.

Bahnbrechendes Wurstessen

Ab 1519 war Zwingli Priester am Zürcher Grossmünster. Luthers Gedankengut, wonach allein der Glaube und die Bibel für den Christen zählen, brachten Zwinglis Freunde in Zürich auf eine Idee, die durchaus Showelemente enthielt: Sie veranstalteten bei Zwinglis späterem Verleger Froschauer 1522 demonstrativ während der Fastenzeit ein Wurstessen, um die kirchlichen Speisevorschriften blosszustellen. Zwingli rechtfertigte dies in seiner ersten klar reformatorischen Schrift.

Gleichzeitig forderte er vom Konstanzer Bischof, das Eheverbot für Priester aufzuheben und die bibeltreue Predigt einzuführen. Seine Forderungen waren in Zürich nicht unumstritten. Der Zürcher Rat veranstaltete eine Debatte über Zwinglis Ideen – und unterstützte sie schliesslich. 1525 hatte Zwingli seine Ideen in Zürich durchgesetzt: Klöster, Heiligenverehrung, Bilderkult, Prozessionen, Orgelspiel und Gemeindegesang waren abgeschafft.

Die Ratsherren kooperierten mit Zwingli aus nicht ganz uneigennützigen Gründen: Der Besitz der Klöster sollte zum Eigentum der Stadt werden. Auch den Zehnten kassierte fortan nicht die Kirche, sondern die Stadt. Sie bezahlte damit die Pfarrer, gründete die Armenfürsorge und eine Hohe Schule. «Aus der Bischofskirche wurde so eine Staatskirche», schreibt Maissen.
Das passte nicht allen Reformationsanhängern: Die Bewegung der Täufer spaltete sich ab. Der Zürcher Rat reagierte gnadenlos und liess 1527 den Täufer Felix Manz in der Limmat ertränken.

Die Reformation breitete sich aus. Zürich erlangte mit Basel und Bern mächtige Verbündete. 1531 erschien die von Zwingli und seinen Anhängern erstellte Übersetzung der Bibel in die Volkssprache als Buch. Es kam aber auch zum Bürgerkrieg mit den Vertretern der am katholischen Glauben festhaltenden Gebiete. Zwingli liess dabei sein Leben – und dreht sich seither in keinem Grab um.