Tötungsdelikt

Zweite Runde: Zürcher Obergericht befasst sich mit dem Altersheim-Mord

Das Bezirksgericht Zürich befasst sich mit einem aufsehenerregenden Tötungsfall.

Das Bezirksgericht Zürich befasst sich mit einem aufsehenerregenden Tötungsfall.

Es war ein aufsehenerregendes Tötungsdelikt. Zwei Frauen sollen eine Seniorin in ihrem Bett getötet haben – aus reinfinanziellen Motiven. Morgen wird der Fall erneut verhandelt.

Dass die Horgener Urteile kaum jemanden zufriedenstellen würden, war absehbar. Beide Beschuldigten wurden wegen Mordes an einer 88-jährigen Bewohnerin einer Wohnung im Alterszentrum Hochweid verurteilt. Ganz im Sinne des Staatsanwalts. Doch mit 10½ und 13 Jahren lagen die Strafen je rund fünf Jahre tiefer, als dieser gefordert hatte. Entsprechend hat er Berufung beim Obergericht angemeldet.

Unzufrieden war der Anwalt der älteren der beiden Frauen, die als Nachtschwester im Kilchberger Alterszentrum gearbeitet hatte. Er hatte sich an der Verhandlung für einen Freispruch starkgemacht. Seine Mandantin sei an der Tat gar nicht beteiligt gewesen. Nach der Verhaftung hatte die 31-Jährige noch ein detailliertes Geständnis abgelegt. Davon ist sie abgerückt.

Sie habe damals nur gestanden, weil sie Angst vor ihrem Freund hatte, angeblich ein Mitglied der Hells Angels, und weil ihr damaliger Anwalt sie schlecht beraten habe. Ihr Ex-Freund sei an der Tat beteiligt gewesen, nicht sie, führte die 31-Jährige vor Gericht aus. Vor kurzem hat ihr Vater im «Blick» vehement die Unschuldsversion vertreten.

Von Anfang bis Ende geständig war die Komplizin, eine 27-jährige Verkäuferin. Ihr Anwalt hatte eine Qualifizierung als fahrlässige Tötung und eine Strafe von sechs Jahren gefordert. Seine Mandantin stellte er als Mitläuferin dar, die zudem in ihre Freundin verliebt war und ihr blind vertraute.

Vor der Tat gekokst

Auf der Version der 27-Jährigen baute die Anklage auf. Demnach sind die beiden Frauen am 10. November 2013 nach Kilchberg gefahren. Im Auto haben sie Kokain konsumiert. Mit dabei hatten die Frauen einen Passepartoutschlüssel, den die Nachtschwester entwendet haben soll, und eine Flasche mit Salmiakgeist. Im Alterszentrum versuchten sie erfolglos, in ein anderes Zimmer einzudringen.

Die Tür zur Alterswohnung der 88-Jährigen liess sich öffnen. Ein Tüchlein wurde mit Salmiakgeist getränkt. Beim Bett der Schlafenden angekommen, drückte die Jüngere der Frau das Tuch auf Mund und Nase, während die Ältere ihre Beine festhielt. Später wechselten sie die Positionen. Als sich die 88-Jährige nicht mehr bewegte, durchsuchten die Beschuldigten die Wohnung. Sie stahlen Schmuckstücke, Bargeld und eine Bankkarte. Danach zog es die beiden in den Ausgang – als wäre nichts geschehen.

Wie medizinische Sachverständige vor Gericht ausführten, muss das Tuch mit erheblichem Aufwand auf Mund und Nase der Frau gedrückt worden sein. Die 27-Jährige betonte, dass sie es nur auf das Gesicht gelegt habe, in der Absicht, die Frau zu betäuben.

Genauere Abklärungen nötig

Das Obergericht muss nun klären, ob die Strafen angemessen sind. Ebenso wichtig wird die Frage sein, ob genug Beweise vorhanden sind, um der ehemaligen Nachtschwester die Tat nachweisen zu können. Andere Beweise als die Geständnisse, etwa DNA-Spuren, gibt es nicht. Auf die Spur gekommen ist die Polizei den beiden Frauen, weil bei einer Grenzkontrolle Diebesgut im Auto des Ex-Freundes der Nachtschwester gefunden wurde. Dem Mann also, den sie der Tat beschuldigt. Nachgewiesen wurde, dass sich die 31-Jährige im Internet über Salmiakgeist informiert hatte. Zudem hat sie diesen in einer Apotheke gekauft.

In Horgen konnte nicht erhärtet werden, dass die 32-Jährige über die Vermögensverhältnisse des Opfers Bescheid wusste. Ein Nachbar konnte sich nicht an die Frau erinnern. Ihre ehemalige Chefin sagte aus, dass die Angestellten des Alterszentrums keinen Kontakt zu den Bewohnern der Alterswohnungen hatten. Der Prozess ist für zwei Tage angesetzt. Beginn ist morgen.

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