Zürich
Zwei Zürcherinnen finden 20'000 Franken in Brocki-Kissen

Zwei Frauen haben zwischen Kissen, die sie im Brockenhaus erstanden, 20'000 Franken entdeckt – und der Polizei abgeliefert.

Michel Wenzler
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Die Polizisten fanden heraus, dass die Kissen aus dem Nachlass einer kürzlich verstorbenen Frau stammten. (Symbolbild)

Die Polizisten fanden heraus, dass die Kissen aus dem Nachlass einer kürzlich verstorbenen Frau stammten. (Symbolbild)

Keystone

Gerne hätte man das Gesicht der beiden Frauen gesehen, als sie ihren Fund machten: Kurz nach Weihnachten hatten sie in einem Brockenhaus in Zürich Wiedikon zwei Sitzkissen für Gartenstühle erstanden. Sie waren in eine Folie eingepackt. Als die Frauen die Verpackung entfernten, waren sie baff: Zwischen den Kissen befand sich ein Couvert, und in diesem steckten viele Geldscheine. Sofort suchten sie den nächsten Polizeiposten auf, wie die Stadtpolizei am Mittwoch mitteilte. Dort wurde nachgezählt: Es waren 20000 Franken.

Die Detektive der Stadtpolizei fanden schliesslich heraus, woher das Geld stammt. Eine mittlerweile verstorbene Frau muss ihr Vermögen zwischen den Kissen versteckt haben. Nur wussten ihre Nachkommen offenbar nichts davon. Bei der Hausräumung übergaben sie die Kissen arglos dem Brockenhaus. Äusserst überrascht reagierte deshalb die Tochter der Verstorbenen, als sie von der Polizei vom Geldfund erfuhr. Und sie zeigte sich gerührt ob der ehrlichen Finderinnen.

Auf das plagende Gewissen kommt es laut Forschung an

Wie häufig Finder von hohen Summen zur Polizei gehen oder das Geld dem rechtmässigen Besitzer zurückbringen, weiss die Stadtpolizei nicht. Statistiken dazu gebe es nicht, heisst es auf Anfrage. Auch Fundbüros tun sich schwer mit einer Einschätzung.

Das Verhalten der beiden Frauen mag zumindest auf den ersten Blick erstaunen. Denn sie hätten das Geld wohl behalten können, ohne dass es jemals jemandem aufgefallen wäre. Weshalb haben sie es nicht getan?

Christian Zünd hat eine mögliche Antwort. Er hat am Institut für Volkswirtschaftslehre an der Universität Zürich genau zu diesem Thema seine Doktorarbeit geschrieben und an einem internationalen Forschungsprojekt mitgearbeitet.

Zwei Faktoren würden eine Rolle spielen, damit jemand einen gefundenen Betrag zurückgebe, sagt Zünd. Die Finder des Gelds müssten altruistisch veranlagt sein. «Es braucht eine gewisse Selbstlosigkeit. Den Personen darf es nicht egal sein, wie es anderen geht.» Das allein genüge aber nicht. «Es müsste sie überdies ein schlechtes Gewissen plagen, wenn sie das Geld nicht zurückgeben würden.»

Findet jemand auf der Strasse 20 Franken und steckt diese ein, ist dies vielleicht nicht der Fall. Anders sieht es aber aus, wenn jemand wie die zwei Frauen auf 20'000 Franken stösst. «Das Geld zu behalten, würde sich für sie wie ein Diebstahl anfühlen», sagt der Ökonom.

Zu diesem Schluss sind jedenfalls seine Forscherkollegen und er gelangt, nachdem sie in 355 Städten in 40 Ländern ein Experiment durchgeführt haben. Sie gaben rund 17'000 Portemonnaies bei Hotels, Banken, Museen, Poststellen und anderen Institutionen ab und sagten, sie hätten die Brieftaschen gefunden. Man möge sich doch bitte darum kümmern, dass diese wieder zurück zu ihren Besitzern finden. In den Portemonnaies befand sich eine Visitenkarte, sodass die vermeintlichen Besitzer – in Wahrheit das Forscherteam – einfach ausfindig zu machen waren. Zudem enthielten sie mal einen hohen, mal einen tiefen Geldbetrag. Erstaunlicherweise fanden die Brieftaschen mit dem hohen Geldbetrag den Weg häufiger zurück als jene mit dem kleinen Betrag. «Das liegt daran, dass sich die Finder als ehrliche Menschen sehen wollten», sagt Zünd.

Die Schweizer verhielten sich besonders vorbildlich. Beinahe 80 Prozent von ihnen kontaktieren die vermeintlichen Besitzer der Portemonnaies. Besser schnitten lediglich Testpersonen in den ähnlich wohlhabenden Ländern Dänemark, Schweden und Neuseeland ab. Ärmere Länder wie China, Peru, Kasachstan und Kenia kamen auf eine Quote zwischen 8 und 20 Prozent. Auch dort wurden aber Brieftaschen mit höheren Beträgen häufiger retourniert.

Die Befunde haben die Forscher überrascht. Umfragen bei Ökonomen und in der Bevölkerung hatten ein anderes Resultat nahegelegt: Die Befragten waren davon ausgegangen, dass die meisten Leute hohe Beträge eher behalten würden. «Sie gingen also davon aus, dass sich die Mitmenschen egoistisch verhalten», sagt Zünd – offenbar ist der Mensch eben doch besser als sein Ruf.

Für die beiden Zürcher Finderinnen hat sich übrigens ihre Ehrlichkeit ausgezahlt: Sie erhielten von der Tochter der Verstorbenen einen Finderlohn von 3000 Franken.