Forschungsprojekt
Zwangsmassnahmen gabs im Kanton Zürich im Multipack

Historiker und Juristen untersuchen fürsorgerische Zwangsmassnahmen im Kanton.

Matthias Scharrer
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Psychiatrische Universitätsklinik Zürich, genannt Burghölzli: Hinter diesen Mauern fanden aus heutiger Sicht fragwürdige Medikamentenversuche statt. Rolf Jenni

Psychiatrische Universitätsklinik Zürich, genannt Burghölzli: Hinter diesen Mauern fanden aus heutiger Sicht fragwürdige Medikamentenversuche statt. Rolf Jenni

Rolf Jenni

Zürcher Forscher durchleuchten ein dunkles Kapitel der jüngeren Geschichte: Es geht um fürsorgerische Zwangsmassnahmen. Dazu zählen die administrativen Versorgungen respektive Heimplatzierungen, Verdingung, Zwangsadoptionen, -sterilisationen, -kastrationen und -medikationen.

Seit 1. Januar können Opfer solcher Massnahmen, die vor 1981 vollzogen oder veranlasst wurden, einen Solidaritätsbeitrag von bis zu 25 000 Franken beantragen. So hat es der Bund letzten Herbst per Gesetz beschlossen. Im gleichen Gesetz steht, dass die Geschichte der fürsorgerischen Zwangsmassnahmen wissenschaftlich aufzuarbeiten ist.

Ein entsprechendes Forschungsprojekt des Kantons Zürich hat jetzt begonnen: Am 30. Januar fand zum Auftakt ein Workshop der beteiligten Forschenden statt. Auch Regierungsrätin Jacqueline Fehr (SP) besuchte ihn, wie die Direktion der Justiz und des Innern mitteilte. Fehr habe damit die Bedeutung des Forschungsprojekts für den Regierungsrat unterstrichen. Die Zürcher Kantonsregierung hat für das Projekt 500 000 Franken aus dem Lotteriefonds bewilligt.

«Wir wollen das ganze Spektrum der fürsorgerischen Zwangsmassnahmen erforschen», sagt Beat Gnädinger, Projektleiter und Zürcher Staatsarchivar. «Gerade, weil Betroffene vielfach mehrere solcher Massnahmen erlebt haben.» Er nennt das Beispiel einer Frau, die unehelich schwanger war und bei der daraufhin die Kindswegnahme angeordnet wurde. Solchen Frauen habe man bisweilen auch gleich noch einen Zettel zum Unterschreiben vorgelegt, damit sie einwilligten, sich sterilisieren zu lassen.

Vom 19. Jahrhundert bis heute

Die Forschenden untersuchen fürsorgerische Zwangsmassnahmen vom
19. Jahrhundert bis zur Gegenwart. «In den 1830er-Jahren setzte die moderne Armengesetzgebung im Kanton Zürich ein», erklärt Gnädinger. Im Lauf der Zeit wuchs die Zürcher Anstaltslandschaft auf rund 100 Institutionen. Viele Heime, die nun erforscht werden, existieren heute noch, weshalb das Projekt bis in die Gegenwart reicht.

Schon jetzt steht fest, dass auch die Psychiatrische Universitätsklinik Zürich (PUK), im Volksmund «Burghölzli», zum Forschungsgegenstand wird: Der Zürcher Medizingeschichts-Professor Flurin Condrau nimmt sich zusammen mit Urs Germann und Tanja Rietmann von der Uni Bern Aspekten der Medikamentenforschung in der Zürcher Psychiatrie von 1945 bis 1980 an.

Hintergrund: Nach dem 2. Weltkrieg gewann in der Psychiatrie der Einsatz von Psychopharmaka an Bedeutung. Die Burghölzli-Klinik baute daher in den 1960er-Jahren eine eigene Forschungsabteilung auf, die erst Ende der 1970er-Jahre wieder aufgelöst wurde. In der Zwischenzeit fanden dort diverse Medikamenten-Versuche statt.

«Man muss davon ausgehen, dass dabei zumindest teilweise auch ohne Einverständnis der Probanden geforscht wurde», so Gnädinger. Die heute geltenden diesbezüglichen Vorschriften habe es damals noch nicht gegeben. Das medizinhistorische Teilprojekt solle auch zur Beantwortung einer kantonsrätlichen Anfrage aus den Reihen der Alternativen Liste betreffend Pharmastudien an der PUK Burghölzli beitragen.

Weitere Forschungsgegenstände im Rahmen des Zürcher Projekts sind:

  • Die Entwicklung der Gesetzgebung zu den fürsorgerischen Zwangsmassnahmen und Fremdplatzierungen seit Mitte des 19. Jahrhunderts: Dieses Forschungsfeld beackert Andrea Büchler, Rechtsprofessorin der Uni Zürich, zusammen mit Birgit Christensen.
  • Die Zürcher Heim- und Anstaltslandschaft im Zeitraum 1830 bis 2016: Diese Studie führen die Historiker Thomas Meier und Sabine Jenzer durch.
  • Die Ökonomie des Vollzugs: Dieses Aspekts nehmen sich die Zürcher Historiker Matthieu Leimgruber und Tobias Straumann zusammen mit der Genfer Historikerin Alix Heiniger an. Sie wollen klären, welche Kostenüberlegungen hinter der Versorgungspraxis im Kanton Zürich standen.

Interviews mit Betroffenen

Nebst schriftlichen Quellen sollen auch Interviews mit Betroffenen und ehemaligen Verantwortlichen zur Aufklärung über die fürsorgerischen Zwangsmassnahmen beitragen.

Da trifft es sich gut, dass das Zürcher Staatsarchiv auch als Anlaufstelle für Personen dient, die den Solidaritätsbeitrag des Bundes beantragen wollen: «Sie können auf dem Gesuchsformular ankreuzen, ob sie bereit wären, sich für ein Gespräch zu Verfügung zu stellen», sagt Gnädinger. Die Forschungsergebnisse sollen Ende 2018 als Buch erscheinen.