Systemfehler?

Zwangseinweisungen gibt es in der Zürcher Psychiatrie auffällig oft

Jeder vierte Patient kommt im Kanton Zürich zwangsweise in die stationäre Psychiatrie - zum Beispiel ins Burghölzli.

Jeder vierte Patient kommt im Kanton Zürich zwangsweise in die stationäre Psychiatrie - zum Beispiel ins Burghölzli.

Der Regierungsrat sieht Handlungsbedarf wegen der hohen Anzahl fürsorgerischer Unterbringungen. In kaum einem anderen Kanton ist die Quote so hoch wie im Kanton Zürich.

Als Sozialvorsteherin von Wädenswil hat es Astrid Furrer bisweilen mit unschönen Szenen zu tun: Die Polizei muss ausrücken, weil Leute zuhause ausrasten und zu befürchten ist, dass sie sich oder andere gefährden. Oft kommt es zur fürsorgerischen Unterbringung: Der oder die Betroffene muss in eine psychiatrische Klinik. Und wird laut Furrer vielfach schon am nächsten Tag wieder aus der Klinik entlassen.

Im Kanton Zürich sind fürsorgerische Unterbringungen (FU), wie die erzwungenen Einweisungen in die Psychiatrie in der Fachsprache heissen, besonders häufig. Das ist einem Bericht zu entnehmen, den der Regierungsrat gestern auf ein Postulat von Kantonsrätin Furrer hin veröffentlicht hat.

Demnach gab es pro 1000 Einwohner schweizweit 1,6 FU-Fälle im Jahr 2018, aus dem die neusten Zahlen stammen. Insgesamt waren es 13768 solcher Fälle. Im Kanton Zürich lag die FU-Rate mit 2,16 Fällen pro 1000 Einwohner deutlich höher, bei kantonsweit 3259 FU-Fällen.

«Im Kanton Zürich wird durchschnittlich fast jede vierte Patientin und fast jeder vierte Patient per FU in die stationäre Psychiatrie eingewiesen», schreibt der Regierungsrat. Männer seien etwas öfter betroffen als Frauen. Die häufigsten Diagnosen seien Schizophrenie, affektive Störungen sowie Verhaltensstörungen durch  psychotrope Substanzen, wozu Rauschmittel und Psychopharmaka zählen.

Nahezu jeder Arzt darf Einweisungen anordnen

Doch woran liegt es, dass die Zwangseinweisung per FU in der Zürcher Psychiatrie besonders häufig ist? Auf einen möglichen Grund geht der Regierungsrat in seinem Bericht ausführlich ein: Im Kanton Zürich dürfen neben der Erwachsenenschutzbehörde auch Ärzte, die nicht Psychiatrie-Fachärzte sind, eine FU anordnen. Dies könne zu einer Häufung fürsorgerischer Unterbringungen führen, wie es auch in der wissenschaftlichen Literatur heisse, hält die Regierung fest. Zumal die Zwangseinweisung der betroffenen Patienten im Kanton Zürich fast ausschliesslich durch Ärzte erfolge.

Andere Kantonen geben diese Kompetenz nur bestimmten Ärzten, etwa Amtsärzten und Psychiatern. Ob sich das Zürcher System bewährt habe, überprüft der Kanton im Zusammenhang mit einer Bilanz zum Kindes- und Erwachsenenschutzrecht, über die er am Freitag informieren will.

Im Zusammenhang mit Furrers Postulat fragte der Regierungsrat auch bei den psychiatrischen Kliniken nach, wie die hohe Zürcher FU-Rate zu senken sei. Die Antworten fasst er so zusammen:

-Die FU-Kompetenz sei auf bestimmte Ärztegruppen einzuschränken.

-Der Ausbildungsstand der Ärzte, die eine fürsorgerische Unterbringung anordnen dürfen, sei durch Weiterbildung zu verbessern.

-Es brauche mehr ambulante Angebote.

So liessen sich die FU-Einweisungen um etwa 20 Prozent vermindern, schätzen die Kliniken laut Regierungsrat. Ergänzend zum vorhandenen psychiatrischen Notfalldienst könnten niederschwellige Kriseninterventionsangebote dazu beitragen, unfreiwillige Klinikeinweisungen zu verhindern. Insbesondere, wenn sie mobil wären und den Betroffenen vor Ort helfen, wie der Regierungsrat weiter schreibt.

Zudem prüfe die Gesundheitsdirektion einen Ausbau der Beratungsangebote psychiatrischer Kliniken.

Aufsuchende Notfallangebote gefordert

Furrer begrüsst die Stossrichtung der Regierung. Am dringendsten seien aufsuchende Notfallangebote, so die FDP-Kantonsrätin. Ihrer Ansicht nach müssten dabei nicht unbedingt Ärzte zum Einsatz kommen. Sie zöge Psychiatriepfleger vor, da diese von ihrem Berufsalltag her die nötigen Kenntnisse mitbrächten und günstiger wären.

Auch verbesserte psychiatrische Beratungsangebote für Alters- und Pflegeheime könnten ihrer Ansicht nach einen wichtigen Beitrag leisten. Grossen Handlungsbedarf sieht sie zudem bei der Nachbetreuung im Familienverbund.

Das alles kostet Geld. «Aber langfristig zahlt es sich aus», meint Furrer. Unnötige fürsorgerische Unterbringungen seien nämlich noch teurer. Zudem stellten sie einen starken Eingriff ins persönliche Leben dar.

Auch SP-Kantonsrat Andras Daurù, der Zweitunterzeichner von Furrers Postulat, sieht es positiv, dass die Regierung den Handlungsbedarf erkannt hat. Daurù arbeitete lange in der Psychiatrie. Er fordert, dass wie in anderen Kantonen nebst der Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde nur noch psychiatrische Fachärzte eine FU anordnen können.

Zudem sei ein Ausbau der aufsuchenden psychiatrischen Versorgung nötig: «Das hat man im Kanton Zürich bisher verschlafen. Jetzt muss man es nur noch machen», sagt Daurù.

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1