ZVV
ZVV kassiert mehr, als er müsste: Kostendeckungsgrad steigt sprunghaft

Der Zürcher Verkehrsbund steht finanziell besser da als angenommen – nun fordern Politiker, dass bereits beschlossene Preiserhöhungen zurückgenommen werden.

Patrick Gut
Merken
Drucken
Teilen
Linke und grüne Politiker zeigen sich ob der neuen Zahlen überrascht bis verärgert (Symbolbild)

Linke und grüne Politiker zeigen sich ob der neuen Zahlen überrascht bis verärgert (Symbolbild)

Marc Dahinden

Trotz Stellwerkstörungen und beengten Platzverhältnissen ist der öffentliche Verkehr im Kanton Zürich eine Erfolgsgeschichte. Die Passagierzahlen wachsen mehr oder weniger stetig an, das Angebot wächst mit. Gratis gibt es das jedoch nicht zu haben. Der Aufwand für den öV im Zürcher Verkehrsverbund (ZVV) wird in den nächsten Jahren die Milliardengrenze sprengen.

Naheliegend also, dass die Politik darüber diskutiert, wie die Kosten verteilt werden sollen. Welchen Anteil übernimmt die öffentliche Hand und wie viel hat der ZVV-Passagier zu bezahlen? Für das Jahr 2012 betrug der Kostendeckungsgrad – hauptsächlich durch Billetterlöse – 61,7 Prozent. Die restlichen 38,3 Prozent mussten der Kanton und die Gemeinden je zur Hälfte übernehmen (siehe Kontext).

Im Januar entbrannte im Zürcher Kantonsrat eine Diskussion um die Kostenverteilung. Lorenz Habicher (SVP, Zürich) forderte in einem Antrag, der Kostendeckungsgrad des ZVV sei bis 2019 auf 66 Prozent zu erhöhen. Das Anliegen der SVP erhielt kaum Unterstützung anderer Parlamentarier. Es scheiterte mit 49 zu 116 Stimmen. Gegner des Antrags befürchteten weitere Tariferhöhungen. Diese würden nicht mehr toleriert und es drohe ein Umsteigeeffekt, argumentierten sie.

Wie von Zauberhand

Als hätte diese Debatte im Kantonsrat gar nie stattgefunden, präsentierte ZVV-Direktor Franz Kager- bauer vor wenigen Tagen im Rahmen einer Informationsveranstaltung Überraschendes. «Das ist jetzt eine echte Neuigkeit», sagte er vor Gemeindevertretern. Auf der Folie, die er projizierte, war der Kostendeckungsgrad wie von Zauberhand in die Höhe geschnellt. Statt 63,1 Prozent für das Jahr 2015 waren es plötzlich 64,9 Prozent. Für das Jahr 2016 geht der ZVV nun von 66 Prozent aus (bisher 62,3 Prozent). Die Zahl schwankt in den Folgejahren zwischen 65,1 und 66,2 Prozent. Die Forderung der SVP wird teilweise gar übertroffen.

Wie kommt es zu dieser Resultatsverbesserung? Laut Kagerbauer basieren die ursprünglich kommunizierten Zahlen auf der Jahresrechnung 2012, die eben erst präsentierte Finanzplanung hingegen auf der Rechnung 2013. Diese sei besser ausgefallen als budgetiert, sagt Kagerbauer. So hätten sich die Billettverkäufe erfreulich entwickelt, was zu höheren Erträgen führte. Als zweiten Faktor nennt der ZVV-Direktor das Ja des Schweizer Stimmvolkes zur Fabi-Vorlage. Bahninfrastrukturen würden neu aus dem Bahninfrastrukturfonds des Bundes finanziert. Das bringe dem ZVV voraussichtlich ab 2016 eine Entlastung von mehreren Millionen Franken. Kagerbauer betont allerdings, Fabi bringe dem Kanton unter dem Strich eine Mehrbelastung.

Die Verkehrspolitiker im Kantonsrat zeigen sich von den neuen Zahlen überrascht bis verärgert. «Ich fühle mich etwas hinters Licht geführt», sagt etwa Marcel Burlet (SP, Regensdorf). Und weiter: «Aufgrund der Situation müsste man die bereits beschlossenen Preiserhöhungen zurücknehmen.» Die jährlichen Preisaufschläge im öV würden dazu führen, dass vermehrt Leute aufs Auto umsteigen. «Das erinnert mich an die alten Zeiten, als von SVP-Seite mit Kürzungsanträgen zum ZVV-Rahmenkredit gegen den öV geschossen wurde.»

In eine ähnliche Richtung argumentiert Andreas Hasler (GLP, Illnau-Effretikon): «Die besseren Prognosen erlauben es, die Tarife im ZVV weniger stark als geplant zu erhöhen.» So würde der Unterschied zu den Fahrkosten auf der Strasse weniger schnell grösser.

Ein anderes Thema treibt Robert Brunner (Grüne, Steinmaur) um. «Die neuen Zahlen, die Franz Kagerbauer präsentiert hat, scheinen mir fromme Wünsche.» Die Rahmenbedingungen seien viel zu unsicher. Er halte es grundsätzlich für richtig, dass die öV-Benutzer und jene des motorisierten Individualverkehrs die Kosten für ihre Mobilität auch bezahlen. «Tariferhöhungen sind allerdings nicht möglich, wenn der Service hundslausig ist», sagt Brunner mit Blick auf die engen Platzverhältnisse und ausgefallene Zugverbindungen.

ZVV-Chef wiegelt ab

Von einem zumindest teilweisen Verzicht auf Tariferhöhungen hält ZVV-Direktor Kagerbauer nichts. Die kürzlich kommunizierten Preisaufschläge seien durch den Angebotsausbau im Rahmen der 4. Teilergänzungen begründet. Bis Ende 2018 werde der ZVV die Kapazitäten um 25 Prozent erhöhen. Auf die Eröffnung der Durchmesserlinie mit dem Tiefbahnhof Löwenstrasse und dem Weinbergtunnel im Juni folgt der Ausbau der Verbindungen vom linken Seeufer nach Zürich Nord. Von einem nächsten Schritt im Dezember 2015 wird vor allem das Zürcher Unterland profitieren. Und ab Dezember 2018 wird der Fahrplan zwischen Winterthur und Zürich verdichtet.

Den Kostendeckungsgrad scheint Kagerbauer nicht für eine entscheidende Grösse zu halten. «Der ZVV wird am effektiven Defizit in Franken gemessen», sagt er. SVP-Kantonsrat Lorenz Habicher, der die Diskussion im Januar ins Rollen gebracht hatte, zeigt sich erstaunt: «Vor drei Monaten hiess es noch, der Kostendeckungsgrad lasse sich nicht genau bestimmen, weil zu viele Faktoren ungewiss seien. Jetzt liegen plötzlich neue Zahlen vor.»

Er sei zwar erfreut, allerdings sei er sich nicht sicher, ob die Prognosen des ZVV in Erfüllung gehen. Neue Angebote bräuchten Zeit, bis sie vom Publikum genutzt würden. «Es ist also denkbar, dass der Kostendeckungsgrad in der Anfangsphase auf 60 Prozent oder weniger fällt», sagt Habicher. Auch die Auswirkungen der Fabi-Vorlage seien aus seiner Sicht unklar.