Wahlen 2018
Zürichs Stadtrat könnte grüner werden – drei Szenarien im Überblick

Für die Wählerschaft eröffnet das 14-köpfige Kandidatenfeld für den Zürcher Stadtrat drei Szenarien.

Matthias Scharrer
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Ein Wähler wirft seinen Stimmzettel in eine Wahlurne. (Symbolbild)

Ein Wähler wirft seinen Stimmzettel in eine Wahlurne. (Symbolbild)

ZVG

Die Zürcher Stadtratswahlen am 4. März 2018 bieten interessante Perspektiven – besonders für das rot-grüne Wählerspektrum, das seit 1990 in der grössten Schweizer Stadt zumeist das Sagen hatte. Der Grund: Aus dem neunköpfigen Stadtrat treten mit Andres Türler (FDP) und Gerold Lauber (CVP) zwei Vertreter des bürgerlichen Lagers nicht mehr an. Das schafft Platz für neue Köpfe.

Weil Abwahlen amtierender Stadträte nur in Ausnahmefällen vorkommen, ist anzunehmen, dass die wieder Antretenden auch nach dem Frühling 2018 Zürich weiter regieren. Als da wären: Stadtpräsidentin Corine Mauch (SP) und ihre Parteigenossen Raphael Golta, Claudia Nielsen und André Odermatt; weiter der Grüne Daniel Leupi und, womöglich mit Hängen und Würgen, Richard Wolff (AL). Ferner als einziger Bürgerlicher: Filippo Leutenegger (FDP). Mit den bisherigen Stadträten von SP, Grünen und AL wäre die rotgrüne Mehrheit im Zürcher Stadtrat schon mal gesetzt.

Das Interessante für den primär sozial und ökologisch denkenden Grossteil der Stadtzürcher Wählerinnen und Wähler: Sie können angesichts des gebotenen Kandidatenfelds die neun Zeilen auf dem Wahlzettel vollständig ausfüllen, ohne sich innerlich gross verbiegen zu müssen. Denn mit Karin Rykart (Grüne), Andreas Hauri (GLP) und Claudia Rabelbauer (EVP) stehen drei neue Kandidaten zur Verfügung, die fürs Soziale, fürs Ökologische respektive für beides mehr oder weniger einstehen.

Corine Mauch (SP, bisher).
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André Odermatt (SP, bisher).
Richard Wolff (AL, bisher).
Filippo Leutenegger (FDP, bisher).
Susanne Brunner (SVP, neu).
Raphael Golta (SP, bisher).
Claudia Nielsen (SP, bisher)
Andreas Hauri (GLP, neu).
Filippo Leutenegger (FDP, bisher).
Roger Bartholdi (SVP, neu).
Daniel Leupi (Grüne, bisher).
Karin Rykart (Grüne, neu).
Claudia Rabelbauer (EVP, neu).
Markus Hungerbühler (CVP, neu).

Corine Mauch (SP, bisher).

Zur Verfügung gestellt

Die GLP ist in der Stadt Zürich häufiger aufseiten der Linken als etwa kantonal. Ihr Kandidat Hauri könnte in Türlers Fussstapfen als Vorstand der Industriellen Betriebe treten. Türler wurde schon lange zum Öko-Liberalen, wenn auch zu einem guten Teil per Volksabstimmung: Das Stadtzürcher Stimmvolk entschied sich während seiner 15-jährigen Amtszeit für die 2000-Watt-Gesellschaft, den Atomausstieg und neue Tramlinien. Das hat der politische Chef des städtischen Elektrizitätswerks und der Verkehrsbetriebe Zürich umzusetzen.

EVP-Kandidatin Rabelbauer wiederum wäre als langjährige Gemeinderätin und Krippenleiterin eine valable Nachfolgerin für Schulvorsteher Lauber. Allerdings haftet der EVP-Politikerin ein Verlierer-Image an: Ihre Partei und mit ihr Rabelbauer scheiterte bei den Gemeinderatswahlen 2014 an der 5-Prozent-Hürde.

Rykart wiederum verkörpert als Kandidatin der Grünen deren Anspruch auf den vor vier Jahren verlorenen zweiten Sitz und eine starke Frauenvertretung im Stadtrat. Die Gemeinderätin setzte sich parteiintern gegen den weitaus bekannteren Nationalrat Bastien Girod durch, der ebenfalls Stadtrat werden wollte.

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Stadtratssitze sind in Zürich bei den Wahlen am 4. März 2018 zu besetzen. Zwei Bisherige treten nicht mehr an.

Soweit die rot-grünen Perspektiven. Doch zu viel Macht kann träge und arrogant machen, mögen sich eher eingemittete liberale Wählerinnen und Wähler denken. Was tun? Auch ihnen stehen mit Filippo Leutenegger und Michael Baumer (beide FDP) sowie dem CVP-Stadtparteipräsidenten Markus Hungerbühler, Claudia Rabelbauer (EVP) und Andreas Hauri (GLP) valable Kandidaten zur Auswahl. Wollen sie alle Zeilen auf dem Wahlzettel füllen, müssen sie jedoch nach rechts und links schielen. Rechts könnte ihre Wahl auf die SVP-Kandidatin Susanne Brunner fallen, schliesslich war diese bis 2010 Mitglied der CVP.

Auch der zweite SVP-Kandidat, Roger Bartholdi, entspricht als gewerkschaftlicher Bankenpersonalvertreter nicht gerade dem Bild eines für eingemittete Liberale unwählbaren SVPlers. Dennoch sind die Mitte-Wähler generell weit entfernt vom Kurs der Stadtzürcher SVP.
Links kann auch Daniel Leupi (Grüne), der einst als Polizeivorstand den 1. Mai in Zürich bändigte und nun als Finanzvorstand über eine Steuersenkung nachdenkt, mit Mitte-Stimmen rechnen; ebenso Mauch, die als Stadtpräsidentin integrativ wirkt.

Besitzstandswahrung wäre aus bürgerlicher Sicht in der Stadtzürcher Exekutive schon
ein Erfolg.

Chancen für den GLP-Mann

Bleibt noch das stramm bürgerliche rechte Wählerspektrum, für das SVP, FDP und CVP ein gemeinsames Fünferticket lanciert haben. Fünf Zeilen auf dem Wahlzettel wären in diesem Spektrum, das in Zürich eine grosse Minderheit darstellt, somit schnell ausgefüllt. Und die übrigen vier? Auf einer könnte wiederum GLP-Kandidat Hauri stehen, der als Kantonsrat, wenn es nicht um ökologische Themen ging, schon öfter mit den Bürgerlichen gestimmt hat. Dann vielleicht noch Rabelbauer (EVP) und Leupi (Grüne) – spätestens die neunte Zeile bliebe leer.

Fazit: Am ehesten für alle grösseren Wählerspektren wählbar ist GLP-Kandidat Hauri. Theoretisch wären damit seine Chancen, neu in den Stadtrat gewählt zu werden, am grössten. Zürichs Regierung würde damit noch grüner. Praktisch braucht es dazu jedoch einen starken Wahlkampf, in dem der ruhig und sachlich auftretende Hauri es schafft, genügend auf sich aufmerksam zu machen.

Lebhafter Wahlkampf

Zurücklehnen können sich allerdings auch die vorwiegend linken Bisherigen nicht ungestraft: Die zwei frei werdenden bürgerlichen Sitze dürften für einen lebhaften Wahlkampf seitens der Bürgerlichen sorgen. Besitzstandswahrung wäre aus bürgerlicher Sicht in der Stadtzürcher Exekutive schon ein Erfolg. Die einmal mehr ausgerufene bürgerliche Wende wird aller Voraussicht nach im Stadtrat erneut nicht zu schaffen sein. Im Gemeinderat, wo derzeit eine Pattsituation herrscht, liegt sie aber durchaus in Reichweite.