Zürich
Zürichs neuer Volkssport: Hafenkran-Gucken

Zürichs neustes Wahrzeichen lockt viele Neugierige an. Fragt man die Kran-Gucker nach ihrer Meinung, sind vereinzelt kritische Stimmen zu hören. Viele fragen sich nach den Hintergründen. Immer wieder kommt auch die Gretchenfrage auf: Ist das Kunst?

Matthias Scharrer
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Neugierige begutachten und fotografieren den Hafenkran von der Rathausbrücke aus.

Neugierige begutachten und fotografieren den Hafenkran von der Rathausbrücke aus.

Matthias Scharrer

Jetzt steht er da, der Hafenkran, Zürichs «umstrittenes Kunstwerk», von dem in den letzten Jahren so viel die Rede war im Stadtparlament, in den Medien – und auch bei manchen «normalen» Menschen. Majestätisch ragt er in den Himmel über der Limmat und macht dem Grossmünster mächtig Konkurrenz als Wahrzeichen der Limmatstadt. Zurzeit dürfte er jedenfalls das meistfotografierte Sujet der Zürcher Skyline sein. Bei schönem Wetter versammeln sich immer wieder Scharen von Passanten auf der Rathausbrücke, am Limmatquai, an der Schifflände, bleiben stehen, gucken zum Kran hoch, halten ihr Handy oder ihren Fotoapparat vors Gesicht und drücken ab. Selfie mit Hafenkran: Ein neues Fotogenre bildet sich gerade heraus. Hafenkran-Gucken wird zum Volkssport.

Fragt man die Kran-Gucker nach ihrer Meinung zum Hafenkran, sind nur vereinzelt kritische Stimmen zu hören. Klar, die 600 000 Franken, die die Stadt Zürich für das temporäre Kunstprojekt ausgibt, sind immer noch ein Thema. «Damit hätte man Gescheiteres anstellen können», murmelt ein älterer Mann seiner Frau zu. Immer wieder kommt auch die Gretchenfrage auf: Ist das Kunst? «Die Meinungen gehen auseinander», sagt eine Kunststudentin, die gerade ihr Hafenkran-Handybild geknipst hat. Und fügt an: «Das ist ja gerade das Ziel von Kunst: Dass man darüber redet.»

Und sonst? Manche fragen sich nach den Hintergründen des Projekts. Daher seien sie hier noch einmal kurz zusammengefasst: Am Anfang war die Entlastung des Limmatquais vom Autoverkehr. Die Stadt liess den Quai nach den Plänen des Architekten Ralph Baenziger neu gestalten. Baenziger plante dort, wo jetzt der Hafenkran steht, einen Glaskubus. Einst war dort eine Fleischhalle. In Politkreisen entspann sich schon bald eine Diskussion darüber, ob ein Glaskubus nicht zu teuer respektive fehl am Platz wäre. Die Stadt liess das Projekt daraufhin 2005 fallen und schrieb einen Wettbewerb für ein temporäres Kunstwerk aus.

Der Auftrag: Das Projekt solle zur Debatte über die Nutzung des öffentlichen Raums beitragen. Das Hafenkran-Projekt der Künstlergruppe um Jan Morgenthaler gewann den Wettbewerb. Als sich zuletzt abzeichnete, dass die Kosten die vom Gemeinderat bewilligten 600 000 Franken übersteigen würden, sagte Martin Waser, der politische Vater des Hafenkrans, 120 000 Franken aus seinem eigenen Portemonnaie zu. Der vor kurzem aus der Stadtregierung zurückgetretene damalige SP-Stadtrat hatte zuvor seine Frau per SMS gefragt, ob sie mit dem Beitrag einverstanden sei. Sie war es. Aufgrund einer noch laufenden Spendensammlung, an der sich auch andere Zürcher Stadträte beteiligten, ist Wasers Beitrag inzwischen auf unter 50 000 Franken gesunken, wie «20 Minuten» meldete.

Man könnte witzeln, der rot-grüne Zürcher Stadtrat wolle sich mit dem Hafenkran ein Denkmal setzen. Immerhin dringt durch den grünen Anstrich des Krans roter Rost. Wie auch immer: Der aus Rostock (D) importierte Kran soll nun für neun Monate am Limmatquai stehen. Und er ist bereits jetzt eine Attraktion geworden wie kein anderes Zürcher Kunstprojekt in den letzten Jahren. Es bleibt abzuwarten, ob jemand der SVP-Initiative gegen weitere Hafenkräne in Zürich eine Initiative für den Erhalt des Krans gegenüberstellt.