Raumplanung
Zürichs lange Liste der niemals gebauten Zukunft

Im Stadthaus Zürich findet eine Ausstellung über Ideen und Projekte zur Limmatstadt von 1850 bis heute statt. Die Liste der gescheiterten Projekte ist lang und faszinierend.

Oliver Steinmann
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Bauplanung Zürich
7 Bilder
 Projekt von William Dunkel für den Neubau des Opernhauses von 1959.
 Vorschlag für eine Sihl-City der Zürcher Arbeitsgruppe für Städtebau von 1961.
 Das Projekt Seepark von Werner Müller aus dem Jahr 1974.
 Ein Vorschlag von Karl Moser aus dem Jahr 1933 für eine Neubebauung des Zürcher Niederdorfs.
 Projekt von William Dunkel und Justus Dahinden für ein Fussballstadion in der Hardau von 1952.
 Projekt von Gottfried Semper für ein neues Rathaus von 1858.

Bauplanung Zürich

Nicht erst seit dem Nein zu Rafael Moneos Kongresszentrum geniesst Zürich den Ruf, keine Stadt der grossen architektonischen Würfe zu sein.

Die Liste der gescheiterten Projekte ist lang. Und sie birgt faszinierende Ideen. In der Ausstellung «verwegen - verworfen - verpasst» werden im Stadthaus derzeit die spannendsten Entwürfe und Pläne aus der Zeit von 1850 bis 2009 präsentiert.

Über viele schüttelt der heutige Betrachter den Kopf, andere regen noch immer zum Nachdenken an.

«Manche Visionen verdeutlichen die jeweilige Befindlichkeit der Stadt weit besser als die tatsächlich gebaute Wirklichkeit», betont Rudolf Schilling, einer der beiden Kuratoren.

Dies gilt beispielsweise für den «Eisernen Ring» von 1871: Das Projekt einer Eisenbahnlinie rund um das untere Seebecken mit einer fünfbogigen Brücke zwischen Bellevue und Bürkliplatz steht für die Aufbruchstimmung zur Zeit der Industrialisierung.

Semper auf der langen Bank

Der Zürichsee und sein Uferbereich haben die Planer seit jeher zu besonders kühnen Ideen inspiriert. Bereits 1858 veranstaltete der Stadtrat einen Architekturwettbewerb zur Neugestaltung des Kratz-Quartiers.

Für das Areal, auf dem sich heute Nationalbank, Fraumünsterpost und Stadthaus erheben, reichte auch Gottfried Semper ein Projekt ein.

Er entwarf ein grosszügiges neues Stadtzentrum mit Parkanlagen und repräsentativen Bauten, die sich um einen Platz gruppierten.

Doch obwohl dieser Vorschlag den Wettbewerb gewann, wurde er auf die lange Bank geschoben - und blieb dort.

Der Wunsch, am See einen «grossen Wurf» zu lancieren, wurde von der Stadtregierung zwar nie aufgegeben. «Doch über die Jahrzehnte hat sich der Uferbereich zu einer Art ‹heiligem Bezirk› entwickelt.

Und obwohl er bis heute als Entwicklungszone gilt, sind bisher alle Projekte zerbröselt», erklärt Schilling.

Ähnliches gilt für Bauten auf dem Wasser, wie beispielsweise die 1969 von Architekt Hugo Wandeler vorgeschlagene Seebrücke. Mit ihre hätten Verkehrsprobleme gelöst und attraktive Wohn- und Arbeitsräume geschaffen werden sollen.

Das gigantische Bauwerk, als provokative Idee publiziert, hätte das Zürichhorn mit Wollishofen verbunden. Im Innern: Eine Autobahn, Ladenpromenaden, Kulturräume, Restaurants, Kindergärten, Appartements und vieles mehr.

Doch der gewaltige Riegel hätte das untere Seebecken abgeschnitten und den Blick auf die Alpen verstellt. Nach kurzer Debatte in den Medien verschwand das Projekt in den Archiven.

Wohnsilo-Kette im Wald

Mehrfach suchte die Stadt nach einem eigentlichen Befreiungsschlag, um aus ihrer dem Mittelalter geschuldeten Kleinräumigkeit auszubrechen.

Bis zum Zweiten Weltkrieg erschien die komplette Beseitigung der Altstadt als mögliche Lösung. Ein radikaler Vorschlag von Karl Moser zeigt, dass man noch 1933 darüber nachdachte, beide Limmatufer mit modernen Blockbauten zu «verschönern».

Später sollte das Platzproblem durch eine Satellitenstadt in der näheren Umgebung gelöst werden. Das Projekt «Wald-Stadt» sah 1971 neuen Wohnraum für Zehntausende vor: In einer kilometerlangen Wohnsilo-Kette mitten im Adlisbergwald.

Obwohl beim Betrachten vieler Ideen Erleichterung darüber aufkommt, dass sie Papiertiger blieben - da und dort wird man das Gefühl nicht los, das Zürich grosse Chancen verpasst hat.
Die Ausstellung im Stadthaus Zürich dauert noch bis zum 12. März 2011. Der Eintritt ist frei.