Zürich
Zürichs grüne Lunge gerät zunehmend unter Druck

Bäume haben in der Stadt viele wichtige Funktionen: Sie reinigen die Luft, spenden im Sommer Schatten, bieten Lebensraum und vieles mehr. Der Verbund Lebensraum Zürich will nun Private für den Erhalt des Baumbestands sensibilisieren.

Sophie Rüesch
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Zürich, das ist nicht nur Betonwüste. Eine Aktionskampagne soll nun dafür sorgen, dass in der Stadt auch weiterhin genug Grün gedeiht.

Zürich, das ist nicht nur Betonwüste. Eine Aktionskampagne soll nun dafür sorgen, dass in der Stadt auch weiterhin genug Grün gedeiht.

Sophie Rüesch

So lange wie die Oerliker Dorflinde hielten es in der Stadt Zürich wenige aus. 1723 wurde sie gepflanzt; damit ist sie älter als sämtliche Gebäude des heutigen Oerlikons. Selbst nachdem sie während der Schlacht von Zürich von der französischen Artillerie beschossen wurde und darauf in Flammen aufging, konnte sie sich wieder aufrappeln. Sie steht wie eh und je auf ihrem Platz in Oerlikon, das mittlerweile Stadtquartier und nicht mehr kleines Dorf am Rand einer weiten Riedlandschaft ist.

So widerstandsfähig wie diese Linde sind aber weitaus nicht alle der auf rund eine Million geschätzten Bäume auf Stadtgrund. Kein Wunder, werden sie doch von allen Seiten bedrängt: Sie müssen neuen Bauprojekten weichen, Abgase belasten ihre Blätter und verschmutztes Wasser ihre Wurzeln, die im dicht verbauten Zürcher Boden ohnehin selten den Platz finden, den sie bräuchten. Zwar steht Zürich im Vergleich zu anderen europäischen Städten ziemlich gut da, wie eine Studie im Auftrag von Grün Stadt Zürich zeigt. Doch auch in der Stadt, die nicht zuletzt ihrer zahlreichen Grünflächen wegen mit einer hohen Lebensqualität trumpfen kann, geraten Bäume zusehends in Bedrängnis.

Natürliche Klimaanlagen

Dabei liegt ihre Bedeutung fürs Stadtklima auf der Hand: Bäume reinigen die Luft, tragen zum hübschen Stadtbild bei, kühlen im Sommer die innerstädtische Betonsteppe ab, dienen als natürliche Lärmabsorbenten, bieten Tieren und anderen Organismen eine Lebensgrundlage und der wachsenden Bevölkerung Erholungsraum. Wie wichtig den Zürchern ihre Bäume sind, zeigt auch eine kürzlich durchgeführte repräsentative Umfrage: 95 Prozent der Befragten gaben an, dass ihnen ein gesunder Baumbestand in der Stadt wichtig bis sehr wichtig ist.

Um der Dringlichkeit des Erhalts der städtischen Baumbestände Nachdruck zu verleihen, startet der Verbund Lebensraum Zürich (VLZ) mit seinen rund zwei Dutzend Mitgliedsvereinen heute in Zusammenarbeit mit Grün Stadt Zürich eine sechswöchige Aktionskampagne. Stadtwanderungen, Informationsveranstaltungen, Podien und ein Web-Forum sollen den Bewohnern von Zürich wie auch Entscheidungsträgern aus Politik und Privatwirtschaft die Augen öffnen und Raum für Dialog bieten.

Es sind vor allem die grösseren privaten Bauherrschaften, bei denen noch viel Überzeugungsarbeit geleistet werden muss, erklärt VLZ-Präsident Hans-Peter Stutz: «Oft werden bei grösseren Bauprojekten aus wirtschaftlichen Überlegungen nicht unbedingt die ökologisch sinnvollsten Entscheidungen getroffen. Das liegt aber weniger am fehlenden Willen als an fehlendem Wissen.» Dabei sei häufig nicht einmal die Verminderung der Grünflächen das grösste Problem, sondern die Art der Bepflanzung: «Auch die Verarmung der Artenvielfalt ist eine Entwicklung, der wir Gegensteuer geben müssen», so VLZ-Vizepräsident Ueli Nagel.

Gegensteuer will auch die Stadt geben – da, wo sie kann. Beim Bestand auf Privatgrund kann sie nicht viel mehr als beraten, so Lukas Handschin, Sprecher von Grün Stadt Zürich. «Bei den rund 22 000 Strassenbäumen und 50 000 Bäumen in öffentlichen Anlagen können wir – etwa mit dem städtischen Alleenkonzept – aber einiges bewirken.» So setze man bei der Neugestaltung der Bahnhofstrasse, in deren Rahmen auch kranke Linden ersetzt werden, auf wurzelschonende Einfassungen. Generell habe sich Grün Stadt Zürich zum Ziel gesetzt, den Baumbestand zu erhalten, und – wenn möglich – zu erweitern. «Wir wollen für einen gesunden, alterungsfähigen Baumbestand sorgen», so Handschin. Einfach wird das nicht: «Klimawandel, Bevölkerungswachstum und ein steigender Quadratmeterbedarf pro Person erschweren das Erreichen dieses Ziels natürlich.»