Schwule und Lesben
Zürich Tourismus lässt Homo-Parade im Regen stehen

Das diesjährige Pride Festival will auf aktuelle Probleme der Homosexuellen aufmerksam machen. Der starke Franken dürfte der Parade zusetzen. Werbung im Ausland sei darum wichtig. Doch Zürich Tourismus enttäuscht die Organisatoren.

Sandra Hohendahl-Tesch
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Eindrücke vom Pride Festival 2011
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Ausgelassene Stimmung und buntes Treiben am Zurich Pride Festival im vergangenen Jahr.
Ausgelassene Stimmung und buntes Treiben am Zurich Pride Festival im vergangenen Jahr.
Ausgelassene Stimmung und buntes Treiben am Zurich Pride Festival im vergangenen Jahr.
Ausgelassene Stimmung und buntes Treiben am Zurich Pride Festival im vergangenen Jahr.
Ausgelassene Stimmung und buntes Treiben am Zurich Pride Festival im vergangenen Jahr.

Eindrücke vom Pride Festival 2011

Keystone

Bald erobern die Schwulen und Lesben wieder Zürichs Strassen: Am kommenden Wochenende findet das traditionelle Pride Festival, ehemals Christopher Street Day, statt (siehe Kasten). Der farbenfrohe Anlass läuft dieses Jahr unter dem umso nüchterneren Motto «Welcome to Reality». Der Blick soll auf die heutigen Probleme der Homosexuellen gelenkt werden, heisst es dazu in der Pressemitteilung. Und diese dürften sich heuer auch wirtschaftlich bemerkbar machen. Der Verein bekommt nämlich den starken Franken zu spüren, weshalb die Organisatoren vermuten, dass die Besucher deutlich weniger konsumieren werden.

Stiefmütterlich behandelt

«Ein Wochenende in Zürich ist teuer», sagt Pride-Mediensprecher Chriss Kling. Die Teilnehmer kommen auch aus krisengebeutelten Ländern wie Spanien, Italien und Frankreich. In solchen Zeiten achte man genau, wohin das eigene Geld fliesst. Komme hinzu, dass in diesem Monat europaweit zahlreiche andere Events locken: die Fussball-EM beispielsweise oder weitaus grössere Prides in anderen europäischen Grossstädten.

Gastreferentin ist Simonetta Sommaruga

Das Zurich Pride Festival wird am kommenden Freitag, 15. Juni, offiziell eröffnet. Auf dem Turbinenplatz im Kreis 5 treten ab 17 Uhr verschiedene nationale und internationale Künstlerinnen und Künstler auf, eine davon ist die deutsche Castingshow-Popsängerin Jill Wick. Höhepunkt des mehrtägigen Festivals ist der traditionelle Demonstrationszug durch die Innenstadt am Samstag, 16. Juni. Vom Helvetiaplatz aus bewegt sich der Umzug ab 14.30 Uhr durch die Innenstadt. Er durchläuft Stauffacherstrasse, Sihlbrücke, Sihlporte, Talackerstrasse, Bahnhofstrasse, Uraniastrasse und endet schliesslich auf dem Werdmühleplatz. Abgeschlossen wird die farbenfrohe Demonstration für die Rechte von Homosexuellen, Bisexuellen, Transsexuellen und Intersexuellen mit politischen Reden. Dieses Jahr konnte unter anderem Bundesrätin Simonetta Sommaruga als Gastreferentin gewonnen werden. Der Anlass findet in Zürich seit 1994 statt, zuerst unter dem Namen Christopher Street Day (CSD). Seit 2010 heisst er in Anlehnung an internationale Vorbilder Zurich Pride Festival. «Im Ausland konnten die Leute mit dem Begriff CSD wenig anfangen», erklärt Szenenkenner Michael Rüegg. (tes)

Ob sich die Leute dafür entscheiden würden, nach Zürich zu kommen, hänge stark davon ab, wie der Anlass im Ausland angepriesen werde. «Wir leben von der Werbung», sagt Kling. Dieses Jahr habe Zürich Tourismus jedoch «keinen Rappen» ins Festival investiert. Abgesehen von einem schwer zu findenden Hinweis auf der Website gebe es keine Kooperation. «Offenbar sieht man keinen Bedarf», mutmasst Kling und stellt unumwunden fest: «Schwulen und Lesben werden bei Zürich Tourismus stiefmütterlich behandelt.» Dabei sah es 2009 noch ganz anders aus. Damals war Zürich Gaststadt der Euro Pride.

Zürich Tourismus reduziert Budget für Homo-Events

Zürich Tourismus verdoppelte das Gay-Werbebudget auf 100000 Franken. Mit Flyern und Bildern von turtelnden homosexuellen Pärchen wurde in Grossbritannien, Deutschland und den USA offensiv für den Anlass mit internationaler Ausstrahlung geworben, der schliesslich mehrere Zehntausend Gäste in die Limmatstadt brachte. Der damalige Euro-Pride-Sprecher und Szenenkenner Michael Rüegg bestätigt, dass die Bemühungen um die Zielgruppe der Schwulen und Lesben «heute wieder auf ein absolutes Minimum reduziert sind». Damals habe man sich richtig ins Zeug gelegt, heute sei der Geldfluss gedrosselt.

Für Rüegg ist das unverständlich, denn homosexuelle Touristen gelten als kaufkräftig und ausgabefreundlich. «Sie haben keine Kinder und geben gerne Geld aus für schöne Kleider und gutes Essen.» Zürich Tourismus nimmt auf Anfrage nur ausweichend Stellung zur aktuellen Gay-Strategie: «Die Zielgruppe hat zwar ein hohes Reisebudget, aber generell nicht andere Interessen als Heterosexuelle», heisst es in der schriftlichen Antwort. Der Vorwurf von Kling und Rüegg wird von der Medienstelle indirekt dementiert: Das Engagement bewege sich «im Rahmen der herkömmlichen Aktivitäten», heisst es.

Hotel noch nicht ausgebucht

Dass Schwule und Lesben ein wichtiges Segment im Hotelmarketing sind, ist sich etwa das «Dolder Grand» bewusst. Seit der Neueröffnung vor vier Jahren hatte das Luxushotel mit Gay-friendly-Partys für Schlagzeilen gesorgt, die jedoch nicht mehr durchgeführt werden. Anlässe wie die Pride bereicherten Zürich als Destination und seien «willkommen», sagt Sprecherin Vanessa Flack, obwohl das Luxussegment nur bedingt davon profitiere. Beim als «gay friendly» deklarierten Hotel Platzhirsch im Niederdorf, wo rund 40 Prozent der Gäste homosexuell sind, spürt man die Krise. Für das Festival bietet das Haus sogar spezielle Arrangements an.

Noch gibt es aber noch viele freie Betten. «Der schwache Euro macht einen Wochenendausflug teuer», heisst es an der Rezeption. «Nun hoffen wir auf spontane Leute und Wetterglück.»

www.zurichpridefestival.ch