Temporeduktion
Zürich setzt vermehrt auf Tempo 30 – Autoverbände wehren sich

Um den Lärm zu verringern, senkt die Stadt Zürich nun auch auf Hauptstrassen das Tempolimit. Das bringe nichts, sagen die Autoverbände und die SVP – ausser Staus und mehr Verkehr in den Wohnquartieren.

Heinz Zürcher
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Die Autoverbände ACS und TCS empfinden die neue 30er-Zone bei der Haltestelle Rigiblick als verkehrsbehindernd.

Die Autoverbände ACS und TCS empfinden die neue 30er-Zone bei der Haltestelle Rigiblick als verkehrsbehindernd.

Keystone

Hält die Stadt Zürich an ihrer Strategie fest, gilt bald auf 95 Prozent ihrer Gemeindestrassen Tempo 30. Aktuell sind es 80 bis 85 Prozent. Im Vordergrund stand bisher die Sicherheit und Verkehrsberuhigung in den Wohnquartieren.

Nun senkt die Stadt auch das Limit auf einigen Hauptstrassen sowie Quartierverbindungs- und -erschliessungsachsen. Grund ist die Lärmschutzverordnung des Bundes. Dort, wo Grenzwerte überschritten werden, müssen Städte und Gemeinden Massnahmen zur Lärmreduktion umsetzen. Und dies in erster Linie an der Quelle. Während beispielsweise in den Kantonen Aargau und Luzern auf Flüsterbeläge gesetzt wird, führt die Stadt Zürich Tempo-30-Zonen auf Hauptstrassen ein.

Anders als in Wohnzonen verzichtet sie dort aber auf ergänzende, verkehrsberuhigende Massnahmen wie erhöhte Fahrbahnen und montiert lediglich Tempo-30-Schilder. Die ersten wurden Mitte Dezember vor und nach der Haltestelle Rigiblick angebracht. Wer via Uni Irchel und Universitätsstrasse in die City fährt, dürfte den Abschnitt bei der Seilbahnstation und der Migros kennen.

68 Verfahren hängig

Die Autoverbände ACS und TCS wehren sich gerichtlich gegen das Vorgehen der Stadt. 68 Verfahren sind noch hängig, teils beim Statthalter oder Bundesgericht, allerdings ohne aufschiebende Wirkung. Tempo 30 in den Wohnzonen würden sie unterstützen, sagten gestern ACS und TCS an einer gemeinsamen Medienkonferenz. Auf Hauptstrassen sei die Massnahme jedoch wirkungslos und schikanös. Tempo 30 reduziere den Lärm kaum und führe dafür zu Staus auf den Hauptstrassen und Mehrverkehr in den Quartieren.

Rechtsanwalt, FDP-Gemeinderat und Stadtpartei-Präsident Severin Pflüger vertritt die beiden Verbände. «Reduziert man das Tempo von 50 auf 30 km/h, nimmt es das menschliche Gehör kaum wahr», sagt Pflüger. An steilen Abschnitten könnte der Lärm durch das Abbremsen und Beschleunigen gar zunehmen. «Beim Meierhofplatz zum Beispiel würde der Alarmwert immer noch überschritten.» In diesem Fall müssten zur Lärmsanierung zusätzlich leisere Fahrbeläge oder Schallschutzfenster eingebaut werden.

Komme hinzu, dass mehr Schadstoffe ausgestossen würden, wenn die Lenker bei Tempo 30 im zweiten Gang fahren statt im vierten wie bei Tempo 50.

Beispiel Rigiblick

Verkehrsbehindernd sei auch die neue Tempo-30-Zone bei der Haltestelle Rigiblick, sagt der Geschäftsführer des Zürcher ACS, Lorenz Knecht. «Vor allem abends und nachts, wenn kaum mehr Fussgänger die Strasse überqueren und die Strasse frei ist.» Zudem habe es in jenem Abschnitt kaum Anwohner. «Dafür dort umso mehr, wo die Tempo-30-Zone endet und wieder auf 50 beschleunigt werden darf.»

ACS-Zürich-Präsidentin Ruth Enzler sagt: «Die Hauptverkehrsachsen dienen dazu, den Verkehr zu kanalisieren und möglichst effizient abzuwickeln. Wird aber Tempo 30 eingeführt, werden die Autofahrer wieder den kürzesten Weg durchs Quartier wählen.»

Zürichs Strategie stehe im Widerspruch zur Verkehrspolitik des Bundes und Kantons, sagt der Zürcher SVP-Nationalrat Gregor Rutz. «Milliarden werden investiert, um den Verkehr zu verflüssigen. Das funktioniert aber nur, wenn der Verkehr aus den Quartieren abfliessen kann.»

Rutz hat deshalb auf Bundesebene eine parlamentarische Initiative eingereicht mit dem Ziel, Tempo 30 als reine Lärmsanierungsmassnahme zu verbieten. Das Bundesamt für Strassen (Astra) begrüsse seinen Vorstoss, sagt Rutz. Wie er bezweifle das Astra, dass eine Temporeduktion den Lärm verringere oder angesichts der marginalen Wirkung verhältnismässig sei.

Stadt widerspricht

Die Dienstabteilung Verkehr der Stadt Zürich lässt die Kritik der Autoverbände und SVP nicht gelten. Die Temporeduktionen seien aufgrund der Lärmgrenzwert-Überschreitungen notwendig, heisst es auf Anfrage. Das hätten die jeweiligen Gutachten gezeigt. In allen Fällen sei die Massnahme zweck- und verhältnismässig, sagt Mediensprecher Heiko Ciceri.

Auch seien die Auswirkungen auf Verlustzeiten der öffentlichen Verkehrsmittel, Kosten und Ausweichverkehr geprüft worden. Mit Schleichverkehr sei kaum zu rechnen, da in den meisten Wohngegenden nur Tempo 30 gefahren werden dürfe.

Ciceri wehrt sich auch gegen den Vorwurf, durch Tempo 30 werde der Strassenverkehr lauter und umweltschädlicher. «Fahrzeuglärm hängt vom Motoren- und Rollgeräusch ab. Beides verringert sich mit abnehmendem Tempo, das Rollgeräusch aber deutlich markanter», sagt Ciceri. Auch sei dank Tempo 30 von einer Abnahme des Schadstoffausstosses auszugehen.

Die Stadt Zürich will deshalb an ihrer Praxis festhalten. Auf vier Strassenabschnitten von überkommunaler Bedeutung hat sie seit Dezember Tempo 30 eingeführt. 20 weitere sind bereits geplant.