Lehrermangel
Zürich schickt Studenten ins Klassenzimmer

Wieder kündigt sich ein grosser Lehrermangel an. Das Volksschulamt schickt darum nebst freiwilligen Studierenden der Pädagogischen Hochschule auch die angehenden Lehrerinnen und Lehrer des Instituts Unterstrass vorzeitig in den Schuldienst.

anna wepfer
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Eine junge Lehrerin an der Primarschule. (Bild: Patrick Gutenberg)

Eine junge Lehrerin an der Primarschule. (Bild: Patrick Gutenberg)

AZ

Das Gerücht geisterte schon einige Zeit am Zürcher Institut Unterstrass herum. Nun ist die Sache definitiv. Alle Studentinnen und Studenten, die sich am Unterstrass zum Lehrer oder zur Kindergärtnerin ausbilden lassen und aktuell im zweiten Studienjahr sind, müssen sich ab sofort auf Stellensuche begeben.

Ab August sollen die angehenden 24 Lehrer und die 18 Kindergärtnerinnen dann im Schulzimmer stehen - nicht als Praktikanten sondern als Klassenlehrpersonen. Jeweils zu zweit teilen sie sich ein 100-Prozent-Pensum. Das heisst: Zwei bis drei Tage stehen sie vor der Klasse, an den restlichen Tagen besuchen sie weiterhin Ausbildungsmodule am Institut Unterstrass. Bisher absolvierten die Studierenden im dritten Jahr jeweils nur ein siebenwöchiges Praktikum.

Gravierender Lehrmangel

Der Grund für das neue Regime: Es zeichnet sich auch für diesen Sommer ein gravierender Lehrermangel ab, wie Martin Wendelspiess, Chef des Volksschulamts, auf Anfrage sagt. Aktuell sind im Kanton Zürich per Schuljahresbeginn schon knapp über 400 Stellen für Lehrpersonen aller Stufen offen. Dabei ist der letzte mögliche Kündigungstermin (15. April) noch gar nicht verstrichen. Der vorzeitige Einstieg von Studierenden in die Praxis soll die bereits angespannte Situation möglichst früh entschärfen. Schon im letzten Sommer starteten aus diesem Grund 54 freiwillige Früheinsteiger der Pädagogischen Hochschule (PH) im Schuldienst. Ein von Erfolg gekröntes Projekt, wie sich gezeigt hat (siehe Kasten). Die Lage hat sich aber im Vergleich zum letzten Jahr «nicht entscheidend geändert». Damals waren Anfang April rund 500 Stellen ausgeschrieben.

«Wir müssen früher handeln als letztes Jahr», sagt Wendelspiess. Damals konnten viele Stellen erst während der Sommerferien besetzt werden. Das Volksschulamt hat deshalb im Februar beschlossen, auch das Institut Unterstrass um Unterstützung zu bitten. Dieses ist an die PH angeschlossen, bietet aber weitgehend eigenständige Ausbildungen an. Parallel dazu geht das Früheinsteiger-Programm der PH in die zweite Runde. Das zeichnete sich bereits im Februar ab und ist inzwischen beschlossene Sache. «Wir wollen dazu beitragen, dass in den Gemeinden guter Unterricht möglich ist», sagt Matthias Gubler, Leiter des Instituts Unterstrass. Das heisse auch, dafür sorgen, dass jede Klasse eine Lehrperson habe. Um die Praxiserfahrungen der Früheinsteiger optimal mit Theorie zu ergänzen, stellt das Institut die Unterrichtsinhalte für das letzte Studienjahr um. Die Ausbildung wird viel praxisnäher. Was die Studierenden in den Modulen lernen, sollen sie jeweils mit der eigenen Klasse in der Praxis umsetzen. Was bisher trockene Theorie war, wird damit direkt in den Schulalltag umgelagert.

«Wir zwingen niemanden»

Während an der PH nur ein Bruchteil der rund 200 künftigen Primarlehrerinnen und -lehrer den neuen Studiengang gewählt hat, betrifft die Umstellung am Unterstrass alle Studierenden. «Da wir pro Jahrgang und Stufe nur eine Klasse haben, können wir nicht zwei parallele Programme führen», begründet Gubler. «Die Studierenden haben zwar Respekt vor der Aufgabe, freuen sich aber mehrheitlich darauf. Und die Erfahrungen der PH sind sehr gut.»

Allerdings hatte der zuständige Prorektor der PH stets betont, wie wichtig es sei, dass sich Studierende freiwillig für diesen Weg entscheiden. Dass es am Unterstrass nur einen Studiengang und damit keine Wahlmöglichkeit gibt, findet Gubler unproblematisch. Das Ganze sei mit den Studierenden abgesprochen. «Und sollte sich jemand nicht im Stande fühlen, zwingen wir niemanden, in dieses Modell einzusteigen. Wir finden Wege, damit alle die Ausbildung bei uns abschliessen können.» Das gilt auch, falls ein Studentenduo gar keine Stelle findet.

Gubler ist überzeugt, dass seine Studierenden für den Schritt in den Schuldienst gewappnet sind: «Sie wissen, was sie erwartet und gehen die Sache mit Ernsthaftigkeit an.» Dank der engen Betreuung durch das Institut werde sich auch der zusätzliche Aufwand im Alltag in Grenzen halten.