Stadtplanung
Zürich schafft neue Plätze – und streitet über deren Nutzung

Zürich platzt. Je mehr die Stadt wächst, umso grösser scheint das Bedürfnis nach neu gestalteten Plätzen zu werden. Bloss ist man sich nicht einig, was dort passieren soll.

Matthias Scharrer
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Plätze in Zürich
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Das Globus-Provisorium soll einem Platz weichen. (Visualisierung)
So richtig zu neuem Leben erwacht ist der Münsterhof noch nicht.

Plätze in Zürich

Matthias Scharrer

Die zunehmende Verdichtung ruft offenbar ihr Gegenstück auf den Platz, nämlich grosszügig gestaltete Freiräume. Den Anfang machte der Sechseläutenplatz. Seine 2014 vollendete Neugestaltung wurde Ende der 1990er-Jahre lanciert; also just zu jenem Zeitpunkt, als das neue Bevölkerungswachstum der Stadt begann. Als Nächstes war der Münsterhof dran. Auch hier wurden Parkplätze aufgehoben, um Platz zum Flanieren zu schaffen. 2016 weihte die Stadt ihr neues Bijou beim Fraumünster ein.

Erst kürzlich gab der Zürcher Stadtrat seine Pläne für einen neu zu schaffenden, zentralen Platz bekannt: Das sogenannte Globus-Provisorium an der Bahnhofbrücke, in dem heute eine Coop-Filiale untergebracht ist, soll abgerissen werden. An seiner Stelle ist mit Baubeginn 2021 ein neuer Platz vorgesehen – inklusive unterirdischer Grossverteiler-Laden und Tiefgarage.

Wie viel Freiraum soll sein?

Kritische Stimmen zu den städtischen Platz-Plänen lassen jeweils nicht lange auf sich warten: So platzte dem Architekten Tibor Joanelly und dem Stadthistoriker Daniel Kurz dieser Tage in der «NZZ» der Kragen. In einem Gastbeitrag kritisierten sie die städtischen Pläne fürs Globus-Provisorium scharf. Diese würden die Stadtgeschichte ignorieren. Schliesslich standen auf dem Papierwerd-Areal, wo jetzt das Globus-Provisorium ist, schon im 16. Jahrhundert Gewerbebauten. Besser als Leere wäre ein prominenter Neubau, lautet ihr Fazit.

Auch um die Nutzung des Sechseläutenplatzes ist schon bald nach seiner Neugestaltung Streit entbrannt. Am 10. Juni kommt es deswegen zu einer Volksabstimmung. Der Platz sei zu oft durch Veranstaltungen belegt, monierten Vertreter der Grünen, der AL und der SP. Sie lancierten deshalb die Volksinitiative «Freier Sechseläutenplatz». Ihre Forderung: 300 eventfreie Tage auf dem Platz.

Zirkus, Filmfestival, Weihnachtsmarkt

Zuletzt war der Sechseläutenplatz an rund 150 Tagen pro Jahr durch Veranstaltungen belegt. Am längsten präsent sind dabei jeweils der Circus Knie, das Zurich Film Festival und der Weihnachtsmarkt. Zudem finden auch kürzere Grossveranstaltungen wie die Street Parade, 1.-Mai-Schlusskundgebung oder das Züri-Fäscht auf dem Sechseläutenplatz statt. Insgesamt sind dort bislang an 180 Tagen pro Jahr Veranstaltungen zulässig. Dies entspricht weitgehend dem gemeinderätlichen Gegenvorschlag zur Volksinitiative, der am 10. Juni ebenfalls zur Abstimmung kommt.

Weitaus einschränkender sind die Vorgaben, die die Stadt für den neu gestalteten Münsterhof erliess: Dort sind pro Jahr an maximal 110 Tagen Veranstaltungen erlaubt. Und für den neuen Weihnachtsmarkt, der dieses Jahr erstmals auf dem Münsterhof stattfinden soll, waren die gestalterischen und konzeptionellen Ansprüche der Stadt derart hoch, dass sich zunächst kein geeigneter Anbieter fand. Den Zuschlag gab der Stadtrat im Februar nun der Vereinigung Zürcher Spezialgeschäfte, zu der alteingesessene Grössen wie Sprüngli, Sibler und Musik Hug zählen.

Auch zum städtischen Konzept für den neu gestalteten Münsterhof blieben kritische Stimmen nicht aus: Aus den Reihen der SP kam eine Interpellation, die den Weihnachtsmarkt und andere Veranstaltungen grundsätzlich infrage stellte. Man könnte den Platz doch auch einfach zum Flanieren und Verweilen leer lassen, meinte SP-Gemeinderätin Helen Glaser. Handkehrum forderte die SVP, den Platz mit Taxi-Ständen, schattenspendenden Bäumen und ausreichenden Sitzgelegenheiten zu beleben. Ansonsten bleibe den angrenzenden Geschäften die Laufkundschaft aus.

Die Stadt erfindet sich neu

Die drei Beispiele zeigen: Die Vorstellungen, ob, wo und wofür städtische Plätze da sein sollen, gehen weit auseinander. Das Spektrum der Wünsche reicht vom fast leeren Platz, den sich die Bevölkerung im Alltag vorübergehend selbst aneignen kann, bis hin zum möglichst durchkommerzialisierten Platz mit pfannenfertigen Konsumangeboten.

Eine allgemeingültige Zauberformel gibt es in dieser Debatte nicht. Doch die Stadt tut gut daran, dem kommerziellen Nutzungsdruck an zentralen Plätzen nicht komplett nachzugeben, wie dies auf dem Sechseläutenplatz im Jahr nach der Neugestaltung 2014 einzureissen drohte. Auf dem Münsterhof schlug das Pendel dann in die andere Richtung aus. So richtig zu neuem Leben erwacht ist dieses mittelalterliche Herz Zürichs noch nicht. Regulative Feinjustierungen sind in beiden Fällen jedenfalls erwägenswert. Und was das Papierwerd-Areal respektive Globus-Provisorium betrifft, ist die Diskussion erst seit kurzem neu lanciert.

Zürich wächst und erfindet sich dabei ein Stück weit neu. Das geht derzeit vielen Städten so. Plätze spielen dabei eine wichtige, oft auch identitätsstiftende Rolle: Sie sagen viel über den Zeitgeist und das jeweils aktuelle Selbstverständnis einer Stadt aus. Der Marktplatz der Ideen ist dabei offen. Gerade das macht Stadtleben aus. Mit Betonung auf Leben. Leblose Plätze wären der Tod der Stadt.