Rund 12 000 Menschen zogen letztes Jahr im Demonstrationsumzug des Zurich Pride Festivals mit. «Und es werden von Jahr zu Jahr mehr», sagt Festival-Präsident David Reichlin. Längst ist das seit 1994 alljährlich im Juni durchgeführte Zurich Pride Festival der grösste Anlass der Lesben, Schwulen, Bi- und Transsexuellen (LGBT) in der Schweiz. Falls das Wetter mitspielt, erwartet Reichlin auch für die heute und morgen stattfindende Ausgabe erneut mehr Teilnehmende, denn: «Es haben sich wieder mehr Organisationen angemeldet», sagt Reichlin.

Erstmals nehmen diesmal Behindertenorganisationen offiziell am Pride-Umzug teil. David Siems von der Behinderten-Organisation Selbstbestimmung.ch erklärt die Beweggründe: «Es gibt die Behinderten-Bewegung, die Frauen-Bewegung, die LGBT-Bewegung – und es gibt Mehrfach-Benachteiligung, etwa von Menschen die eine Behinderung haben und homosexuell sind.» Im Kampf um Gleichstellung mache es Sinn, die LGBT-Gemeinschaft zu unterstützten. Gleichzeitig sei es wichtig, über Mehrfach-Benachteiligungen nachzudenken. Behindertenorganisationen vergässen oft, dass ihre Klientel nicht nur heterosexuell sei. Und gerade in der Schwulenszene mit ihrem ausgeprägten Körperkult seien Menschen mit Behinderung häufig im Nachteil.

«Wir werden entsexualisiert»

Peter Fischer, Präsident der Behinderten-Organisation Einfache Sprache Schweiz und selbst auf den Rollstuhl angewiesen, bestätigt: «Wir werden entsexualisiert, da wir behindert sind. Deshalb braucht es mehr Aufklärung. Das Thema Inklusion ist für uns wichtig.» Zumal auch der Zugang zu Partys – in der LGBT- wie auch in der Heteroszene – sich für Menschen im Rollstuhl oft schwierig bis unmöglich gestalte. Treppen seien dabei nur ein Hindernis; Türsteher ein anderes: «Oft werden wir gar nicht reingelassen», sagt Fischer. Aus Sicherheitsgründen, wie es dann bisweilen heisse.

Auch Pride-Präsident Reichlin weiss: «Teilweise passieren Ausgrenzungen innerhalb von Minderheiten. Dem wollen wir entgegenwirken.» Nebst der Rollstuhlgängigkeit von Gay-Klubs fehle es zum Teil auch an Akzeptanz. «Man sollte meinen, Schwule und Lesben seien sensibilisiert für die Probleme anderer Minderheiten», so Reichlin weiter. «Das ist aber nicht immer der Fall.» Die Teilnahme von Behinderten-Organisationen an der Pride-Parade solle daher auch ein Zeichen für die LGBT-Gemeinschaft sein – auf dass sie sich vermehrt für die Benachteiligung anderer interessiere.

Politische Forderungen

«Team for Love» ist das Motto des diesjährigen Zurich Pride Festivals. Reichlin sieht es als Einladung an die ganze Bevölkerung: Es gehe darum, zu zeigen, dass die Liebe zweier Männer oder zweier Frauen genau gleich viel wert sei wie jene von Heterosexuellen.

Dass die gesellschaftliche Gleichstellung von Schwulen und Lesben mit Heteros noch nicht erreicht ist, lässt sich an den Themen ablesen, die laut Reichlin im Zentrum der Pride-Kundgebung stehen: So gebe es in der Schweiz noch kein Diskriminierungsgesetz, das Homosexuelle schützt. Auch die Ehe für alle, die unlängst selbst das erzkatholische Irland in einer Volksabstimmung annahm, bleibt ein Ziel der hiesigen Schwulen- und Lesbenbewegung. Zudem gelte es, das Blutspendeverbot für Schwule aufzuheben. Und: «Outing im Job ist immer noch ein wichtiges Thema», so Reichlin.

Von Fetz bis Thunderfuck

An der Kundgebung, die am Samstag um 13 Uhr auf dem Helvetiaplatz beginnt, treten unter anderem die Basler SP-Ständerätin Anita Fetz sowie BDP-Präsident Martin Landolt auf; ebenso Flavia Kleiner, Co-Präsidentin der Operation Libero, und US-Botschafterin Suzan G. LeVine. Im Anschluss an die Demo auf dem Helvetiaplatz folgt ein Umzug über die Bahnhofstrasse zum Werdmühleplatz.

Eröffnet wird das Zurich Pride Festival heute in Zürich auf dem Kasernenareal und Zeughaushof. Das kulturelle Angebot ist breit gefächert: Neben dem Schweizer Mundart-Rapper Manillio tritt auch Rykka auf, die die Schweiz am Eurovision Song Contest vertrat; ferner stehen die Vengaboys, Drag Queen Alaska Thunderfuck und diverse DJs auf dem Programm. Zum Abschluss des Festivals steigt am Samstag ab 22 Uhr im Kaufleuten die offizielle Pride-Team-for-Love-Party. Für Schlagerfans gibts auf dem Kasernenareal dieses Jahr erstmals ein Schlagerzelt. Und damit auch Rollstuhlfahrer das Festival möglichst uneingeschränkt geniessen können, ist neu vor der Festivalbühne auf dem Kasernenareal ein mit Bodenplatten abgedeckter Bereich eingeplant.