Windkraft
Zürich nicht geeignet - andernorts bläst der Wind günstiger

Laut einer Studie besteht im Kanton Zürich zwar das Potenzial, 800 grosse Anlagen zu bauen und – dank Beiträgen des Bundes – auch wirtschaftlich zu betreiben. Doch viele der Anlagen liessen sich gar nicht realisieren.

Oliver Graf
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Bis 2050 könnten im Kanton Zürich bis sechs Grosswindanlagen erstellt werden, rechnet die Baudirektion. Im Jura (Bild) bläst der Winder stärker. key

Bis 2050 könnten im Kanton Zürich bis sechs Grosswindanlagen erstellt werden, rechnet die Baudirektion. Im Jura (Bild) bläst der Winder stärker. key

KEYSTONE

Auf dem Zürcher Kantonsgebiet liessen sich 800 grosse Windkraftanlagen erstellen. Diese würden jährlich bis zu 3500 Gigawattstunden Strom produzieren, sagt eine «Windpotenzialstudie».

Und darin heisst es aber auch gleich, dass diese Zahlen theoretisch bleiben.

Denn realistischerweise werden doch nur gerade vier bis sechs grosse Windräder erstellt – diese würden jährlich etwa 20 Gigawattstunden erzeugen, was lediglich 0,2 Prozent des heutigen Strombedarfs im Kanton entspricht.

Die Erkenntnisse stammen von einer im April erarbeiteten Studie, die nun auch die kantonale Baudirektion ausgewertet und in einer Broschüre aufbereitet hat. Der Befund ist klar: «Zürich ist kein Windkanton.»

Das hatte sich zuvor schon in der kantonalen Energieplanung niedergeschlagen: Bis 2050 könnte der Anteil an erneuerbaren Energien an die Stromproduktion zwar auf rund 35 Prozent gesteigert werden. Dies jedoch vor allem dank Biomassen- und Solaranlagen. Die Wasserkraftnutzung ist bereits weitgehend ausgeschöpft. «Und auch die Windkraft wird wenig an die Stromversorgung beitragen können», heisst es in der Energieplanung.

Dies bestätigt nun die «Windpotenzialstudie», die Energieplaner Sascha Alexander Gerster vom Amt für Abfall, Wasser, Energie und Luft (Awel) unter dem Titel «im Windschatten» in der aktuellen Ausgabe «Zürcher Umwelt Praxis» präsentiert. Grundsätzlich gilt: In den windreichsten Regionen der Schweiz – dem Jura oder den Alpen – erreichen die mittleren Windergeschwindigkeiten 100 Meter über Grund bis zu acht Meter pro Sekunde. Im Kanton Zürich sind für die windreichen Lagen 6,5 Meter pro Sekunde charakteristisch.

Die Modellrechnung, auf der die Studie basiert, geht von erforderlichen mittleren Windgeschwindigkeiten von 4,5 Metern pro Sekunde aus, wie sie unter anderem an verschiedenen Höhenzügen im Zürcher Oberland, der Albiskette oder im Pfannenstielgebiet vorkommen.

Höher als der Prime Tower

Dort liessen sich Windräder, deren Nabenhöhe im hügeligen Gelände 92 Meter, im flachen 135 Meter über Grund liegt, wirtschaftlich betreiben. Dies angesichts der heutigen Bau- und Betriebskosten allerdings nur, wenn auch die Beiträge aus der kostendeckenden Einspeisevergütung des Bundes mit einberechnet werden.

Allerdings fallen viele der 800 möglichen Standorte gleich wieder weg. Die Windräder, die teilweise höher als der Prime Tower mit seinen 126 Metern wäre, kämen unter anderem zu nah am Siedlungsgebiet zu liegen – gemäss Lärmschutzverordnung des Bundes muss eine Grossanlage je nach Lage mindestens 300 bis 700 Meter von einem bewohnten Gebäude entfernt sein. Oder sie würden in die sogenannte Hindernisbegrenzungsflächen des Flughafens Zürich oder anderer kleinerer Flugplätze und Flugfelder hineinragen. Oder die rotierenden Windräder könnten auch die bestehenden Wetterradarstationen beeinträchtigen, weshalb eine räumliche Sperrdistanz von mindestens fünf Kilometern vorgeschrieben ist.

So verblieben kantonsweit noch etwa 130 bis 180 mögliche Standorte. Doch auch diese bleiben theoretischer Natur. Denn: «Sich bewegende Rotoren können unangenehmen Schattenwurf verursachen sowie sich negativ auf Fledermaus- und Vogelpopulationen auswirken.» Hinzu komme der ungewisse Einfluss auf die Radar- und Funkanlagen der Flugsicherheit und des Militärs. Das Awel spricht deshalb von «vielfältigen Einschränkungen».

Hinzu komme schliesslich auch noch die Tatsache, dass Investoren weit interessantere und windstärkere Standorte ausserhalb des Kantons sowie ausserhalb der Schweiz vorfinden würden, die höhere Gewinne abwerfen. Dies alles führe dazu, dass «die kantonale Planung mit etwa vier bis sechs Grosswindanlagen rechnet, welche bis im Jahr 2050 tatsächlich realisiert werden könnten».