Homophobie
«Zürich ist sicher für Homosexuelle»

Zürichs Stadtpräsidentin Corine Mauch tritt für eine freiheitliche Gesellschaft ein. In der Limmatstadt finden Schwule und Lesben ein mehrheitlich tolerantes Klima.

Thomas Münzel
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Die Zürcher Stadtpräsidentin Corine Mauch zündet bei einer Gedenkfeier in Zürich eine Kerze an für die Opfer von Orlando.keystone

Die Zürcher Stadtpräsidentin Corine Mauch zündet bei einer Gedenkfeier in Zürich eine Kerze an für die Opfer von Orlando.keystone

KEYSTONE

«Die Tat von Orlando macht tief betroffen und schockiert», sagt die Zürcher Stadtpräsidentin Corine Mauch. Die schweizweit erste offen lesbisch lebende Frau in diesem Amt bezog gestern deutlich Stellung zum Massaker in Florida: «Gewalt und Terror – aus fundamentalistischen, homophoben, rassistischen, sexistischen oder welchen Motiven auch immer – verurteile ich aufs Schärfste.» Und: «Unsere freiheitliche Gesellschaft steht für Respekt, Offenheit und gutes Zusammenleben», sagt Mauch. «Dafür müssen wir gemeinsam und kraftvoll eintreten, jeden Tag und bei jeder Gelegenheit.»

Gut möglich, dass aber diese Wahnsinnstat in Orlando so manche Menschen in der Homosexuellenmetropole Zürich nachhaltig verunsichert hat. Wie sicher können sich Schwule, Lesben und Transmenschen in der Stadt Zürich tatsächlich fühlen? «Zürich ist eine sichere Stadt, für alle Bevölkerungsgruppen», sagt Mauch. Und Stadtpolizist Peter Sahli, Präsident von PinkCop, der Organisation für schwule und lesbische Polizeiangehörige, ergänzt: «Schwule, Lesben und Transmenschen können sich in Zürich sicher fühlen.» Das habe sich auch wieder am vergangenen Wochenende gezeigt. Das Zurich Pride Festival, ein Fest für Schwule, Lesben und Transsexuelle, ist laut Auskunft einer Arbeitskollegin von Sahli «noch nie so friedlich» über die Bühne gegangen.

Wohlwollendes Klima

«Natürlich kann man ein Attentat auch in Zürich nicht völlig ausschliessen. Aber Tatsache ist, dass in der Stadt Zürich für Schwule, Lesben und Transmenschen schon seit vielen Jahren ein mehrheitlich tolerantes, wohlwollendes Klima herrscht», sagt der schwule Polizist von PinkCop. Doch er weiss: Es gibt Ausnahmen. Zum Beispiel als im vergangenen Oktober sechs vermummte Personen eine Schwulenbar im Zürcher Kreis 4 angriffen und die Gäste mit Pfefferspray und Faustschlägen traktierten. Der Vorfall hatte damals insbesondere die Juso wachgerüttelt. Die Vorkommnisse könnten nicht als Einzelfall abgetan werden, hiess es, «denn die Gewalt gegen Schwule und Transmenschen ist in Zürich alltäglich». Für Peter Sahli von PinkCop ist aber genau dieser Angriff «vom Ausmass der Tätlichkeiten her glücklicherweise eine absolute Ausnahme». Er räumt aber ein, dass es in der Öffentlichkeit tatsächlich immer mal wieder verbale Angriffe gebe, seltener körperliche Übergriffe. Beides verurteile man scharf, hält Sahli fest. Er weist zudem darauf hin, dass es noch heute Angriffe auf Homosexuelle gebe, die aus Angst vor einem Outing nicht angezeigt würden. «Wir möchten deshalb Schwule, Lesben und Transmenschen explizit einladen, sich nicht zu verstecken und bei einem Übergriff Anzeige zu erstatten.»

Trauerfeier in der Zürcher Predigerkirche
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Trauerfeier in der Zürcher Predigerkirche
Trauerfeier in der Zürcher Predigerkirche
Trauerfeier in der Zürcher Predigerkirche
Trauer um die Opfer von Orlando
Weltweite Solidarität mit den Opfern von Orlando
Weltweite Solidarität mit den Opfern von Orlando
Weltweite Solidarität mit den Opfern von Orlando
Weltweite Solidarität mit den Opfern von Orlando
Weltweite Solidarität mit den Opfern von Orlando

Trauerfeier in der Zürcher Predigerkirche

Keystone

Keine Statistik zu Übergriffen

Doch selbst jene, die Anzeige erstatten, werden heute statistisch nicht speziell erfasst. Deshalb gibt es in der Schweiz auch keine Übersicht über Gewalttaten gegenüber Homosexuellen und Transmenschen. Das ärgert offen schwul lebende Zürcher Politiker. «Dass homophobe Straftaten noch immer nicht in Statistiken erfasst werden, erachte ich als einen Mangel», sagt SP-Nationalrat Martin Naef. «Denn nur aufgrund solcher Zahlen und Entwicklungen lässt sich ein Handlungsbedarf ablesen.» Man dürfe nicht nachlassen, homophobe Tendenzen im Kanton Zürich, aber auch schweizweit, zu thematisieren.

«Ganz normal leben»

Auch unabhängig von der Bluttat in Orlando empfiehlt Naef Schwulen, Lesben und Transmenschen, sich nicht zu verstecken, «sondern mit einem gesunden Selbstbewusstsein ganz normal zu leben, wie das Heterosexuelle auch tun».

Für FDP-Nationalrat Hans-Peter Portmann ist es ganz entscheidend, dass Flüchtlinge, die in der Schweiz bleiben können, innerlich nachvollziehen, «dass homosexuelle Partnerschaften hierzulande gleichberechtigt sind und individuelle Freiheiten geniessen». Wichtig ist für ihn deshalb auch, dass Flüchtlinge ein entsprechendes Bekenntnis zu den Grundwerten in der Schweiz unterzeichnen. «Informationen braucht es aber auch an unseren Schulen. Es sollte eigentlich völlig normal sein, dass Kinder über Homosexualität aufgeklärt werden.»

Frontal greift Portmann fundamentalistische Muslime und Christen an: «Wenn diese Kreise offen predigen, Homosexualität sei widernatürlich, dann bereiten sie den Nährboden für solche Gräueltaten wie in Orlando.»