Wohnbauförderung
Zürich braucht um ein Vielfaches mehr billige Wohnungen als bisher

Die Stadt muss sich deutlich mehr Anstrengen. Die Stimmbevölkerung hat der Stadt im letzten November den Auftrag gegeben,den Anteil preisgünstiger Wohnungen im Besitz von gemeinnützigen Wohnbauträgern auf ein Drittel des Wohnungsbestands anzuheben.

Alfred Borter
Merken
Drucken
Teilen
Die Baugenossenschaft «Mehr als wohnen» baut eine Siedlung in Schwamendingen.Visualisierung zvg

Die Baugenossenschaft «Mehr als wohnen» baut eine Siedlung in Schwamendingen.Visualisierung zvg

Erreicht werden soll dies schrittweise bis zum Jahr 2050. Heute gehört bloss ein Viertel der total 210000 Wohnungen gemeinnützigen Wohnbauträgern. Es fehlen also 20000 preisgünstige Wohnungen. Und wenn Zürichs Einwohnerzahl wie prognostiziert bis 2025 um 40000 bis 80000 wachsen sollte, nimmt auch der Bedarf an billigen Wohnungen um mehrere zehntausend Einheiten zu. Wo steht man heute, ein halbes Jahr nach der Abstimmung?

Stadtrat ist an der Arbeit

«Wir sind an der Arbeit», erläutert Kuno Gurtner, Departementssekretär des Finanzdepartements. Zusammen mit dem Präsidial- und dem Hochbaudepartement sei man daran, eine Strategie zu entwickeln, um den Auftrag des Stimmvolks umzusetzen. Der Stadtrat hatte schon vor der Volksabstimmung bekannt gegeben, der wohnpolitische Grundsatzartikel in der Gemeindeordnung bedeute eine grosse Herausforderung, die Förderung des gemeinnützigen Wohnens sei «deutlich zu verstärken».

Die Aufgabe sei nicht bloss sehr herausfordernd, sondern schlicht unmöglich zu erfüllen, hatten bürgerliche Politiker zu verstehen gegeben. Niklaus Scherr, der ehemalige Geschäftsführer des Zürcher Mieterinnen- und Mieterverbands und Gemeinderat der Alternativen Liste, hatte hingegen erklärt, das Ziel sei erreichbar, aber nur mit einem Quantensprung.

«Der Quantensprung ist noch nicht erfolgt», erklärt dazu Walter Angst, Mediensprecher des Mieterverbands und ebenfalls AL-Gemeinderat. Die Stadt müsste zum Beispiel gegenüber Grundeigentümern vor allem dann, wenn diese von einem Gestaltungsplan und einer höheren Ausnützung profitieren, viel entschiedener auftreten und fordern, dass sie einen Teil des Bodens an gemeinnützige Bauträger abgeben, damit diese günstige Wohnungen erstellen.

Abstimmung über 80 Millionen

Diese Idee wird politisch noch zu reden geben. Ebenfalls zu Diskussionen Anlass gibt die Umsetzung einer von den Grünen lancierten Volksinitiative aus dem Jahr 2010 mit dem Titel «Bezahlbar und ökologisch wohnen». Gemäss der Umsetzungsvorlage des Stadtrats sollen für günstige Wohnungen, die auch hohen ökologischen Standards genügen, 80 Millionen Franken bereitgestellt werden.

Wie von Gemeinderat Severin Pflüger (FDP) zu erfahren war, hat die Kommission, der er vorsteht, mit knapper Mehrheit soeben beschlossen, dem Gemeinderat die Zustimmung zum Antrag des Stadtrats vorzuschlagen. Eine Minderheit findet, die Stadt unternehme jetzt schon genügend, damit beim Bau neuer Wohnungen die ökologischen Aspekte berücksichtigt werden, und auch zur Verbilligung von Wohnungen stünden Kredite zur Verfügung. Das letzte Wort hat das Volk.

Nach den Worten von Hans Conrad Daeniker, Informationsbeauftragter der Wohnbaugenossenschaften Zürich, würden die Genossenschaften gerne zusätzliches Bauland überbauen, nur stehe dieses nur in geringem Ausmass zur Verfügung. Auch Pensionskassen, Immobiliengesellschaften und Private seien interessiert, in Wohnbauten zu investieren, sie treten als potente Konkurrenten auf. Daher hofft er, dass die Stadt den Wohnbaugenossenschaften bei der Beschaffung von Bauland hilft.

Ein Jubiläumsprojekt

Wohnbauförderung mit gezielter Verbilligung der Mietzinsen betreibt die Stadt schon seit 1907. Im September 2011 hat das Zürcher Stimmvolk für diesen Zweck erneut einen Kredit von 30 Millionen Franken bewilligt. 8 Millionen Franken erhält die Baugenossenschaft «Mehr als wohnen» zur Verbilligung von 81 ihrer 406 in einer neuen Siedlung in Schwamendingen geplanten Wohnungen.

«Mehr als wohnen» ist ein wegweisendes Projekt mehrerer Dutzend Baugenossenschaften aus dem Jahr 2007, als man 100 Jahre Wohnbauförderung durch die Stadt feierte. Am 3. Juli findet nun der Spatenstich statt.

Speziell ist die Situation bei der Überbauung des Sihl-Papier-Areals in der Manegg. Der Gemeinderat hat bei der Ausarbeitung des Gestaltungsplans nach Verhandlungen mit der Eigentümerschaft erreicht, dass nicht nur gemäss den Zielen der 2000-Watt-Gesellschaft gebaut wird, sondern dass auch 30 Prozent der Wohnungen von Baugenossenschaften erstellt werden können. Und bei der Neuüberbauung des Zollfreilagers bauen die Grundeigentümer entgegenkommenderweise Unterkünfte für 200 Studenten.

Sparen mit standardisiertem Bauen

Es gibt auch private Stiftungen, die Wohnungen für Einzelpersonen und Familien mit eher dünnem Portemonnaie erstellen. So ist etwa die Leopold-Bachmann-Stiftung im Besitz von über 1600Wohnungen. Der Stiftung «ist es ein Anliegen, kinder- und familienfreundlichen sowie finanzierbaren Wohnraum in der Stadt wie auch in der nahen Agglomeration zu schaffen und somit auch hier Kindern mit ihren Familien und Jugendlichen oder jungen Menschen sowie Pensionierten eine erschwingliche Wohnung zu ermöglichen», heisst es im Leitbild.

So liess die Stiftung im ehemaligen CeCe-Areal in Zürich Affoltern 515günstige Wohnungen bauen, auf den 1. Juli werden die ersten 153 von insgesamt 373Wohnungen in Zürich-Seebach vermietet. Das Geheimnis dafür, dass günstig gebaut wird, liegt darin, dass nach den Worten von Geschäftsführer Albert Kesseli standardisiert gebaut wird, was Kosten spart.