Buch
Zürcher Völkerschau ist «spannend und durchaus unterhaltsam»

Obwohl Rea Brändles Buch sich auf die Völkerschauen in Zürich konzentriert, geht es darin um viel mehr: den Menschen als Ware. Die Autorin bringt unzählige Fakten vor und versteht es, spannend zu erzählen.

Angelika Maass
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Kein grosser Erfolg für die «Krieger des Mahdi» 1898 in Zürich (o.): Dem Publikum waren sie nicht wild genug . –Singhalesen-Truppe, fotografiert im Jahr 1893. zvg

Kein grosser Erfolg für die «Krieger des Mahdi» 1898 in Zürich (o.): Dem Publikum waren sie nicht wild genug . –Singhalesen-Truppe, fotografiert im Jahr 1893. zvg

Wenn die Fremden, die Exotischen, die Wilden kamen, dann ging man hin und schaute. Schaute oder gaffte, staunte, machte sich wohl auch lustig und liess sich unterhalten und belehren. Schaulust war angesagt, wie sie die Menschen durch die Jahrhunderte faszinierte – und wie sie einem heute bis zum Überdruss angeboten wird, in allen Bereichen, zu allen Zeiten (nur ein Stichwort: Youtube).

Die Schaulust, mit der sich Rea Brändle befasst, gilt einem mehr oder weniger vergangenen Phänomen, auch wenn es bald offener, bald versteckter unter anderer Gestalt weiterlebt. Völkerschau heisst dieses Phänomen, und seine «sogenannte Blütezeit» ist, wie Brändle schreibt, «in den Jahren 1870 bis 1930 anzusiedeln».

Umfangreicher Einblick

«Auf einen unbefangenen Beobachter macht die ganze Geschichte den Eindruck einer neuen Art von Menschenhandel.» So stand es im März 1882 im Winterthurer «Landboten», der sich als eine der wenigen Zeitungen mit seiner Kritik an der Völkerschau im Plattentheater am Zürichberg gehörig in die Nesseln setzte. Denn nur selten wurde damals die Zurschaustellung von Angehörigen einer fremden Volksgruppe öffentlich kritisiert.

Das Publikum aber kam in Strömen, um sich «die Wilden von den Feuerlandinseln» vorführen zu lassen – über sieben Monate musste die anfänglich zehnköpfige Gruppe, die vermutlich verschleppt worden war, als Menschen-Menagerie durch Europa touren.

Es lief denn auch nicht ohne drastische Verluste ab, und die Demütigungen, denen die Fremden selbst durch die Wissenschaft ausgesetzt waren, belegen, dass «fremd» und «minderwertig» oft Synonyme sind.

Nicht immerging es so drastisch zu und her, und bei den wenigsten der kleinen oder grossen Gruppen von Nubiern, Samojeden, Kalmücken, Feuerländern, Indianern, Senegalesen, Sudanesen und überhaupt vielen Schwarzafrikanern handelte es sich um Verschleppte.

Wie Ware aber wurden die meisten von ihnen behandelt und das Geld machten, wenn überhaupt, die europäischen Veranstalter. Denn die Besichtigung der Fremden, egal ob sie gezeigt und vorgeführt wurden oder selbst mit einer Art Show auftraten, war nicht kostenlos.

Viele Fakten und Details

Rea Brändle macht, was bei diesem Thema am sinnvollsten erscheint: Sie spürt akribisch-gewissenhaft den Fakten nach und den Geschichten, die sich, mit ganz konkretem Lokalbezug und eingebettet in halbwegs Vertrautes, daraus ergeben, und sie veranschaulicht alles anhand von Einzel- oder Gruppenschicksalen.

In locker miteinander verbundenen Kapiteln, 13 sind es insgesamt, bekommt der Leser einen vielfältigen, umfassenden Einblick in «Zürcher Völkerschauen und ihre Schauplätze» (so der Untertitel).

Zürich ist nur ein Beispiel. Mit Leichtigkeit zieht der Leser Parallelen: zu anderen Städten, anderen Schauplätzen, anderen Arten der Zurschaustellung, bis hin zur heute immer noch und immer wieder aktuellen Erfahrung vom Menschen als Ware.

All dies geschieht mit Leichtigkeit, weil Rea Brändle in ihrem Buch so viele Fakten und Details vorbringt: Sie erzählt vom Senegalesendorf, das 1930 für sieben Wochen im noch jungen Zürcher Zoo errichtet wurde und mit einer echten Hochzeit aufwartete.

Sogar die 80 Rappen für die Tramfahrt nach der standesamtlichen Trauung, vom Stadthaus wieder hinauf zum Zoo, musste das Ehepaar Ka-M’Baye selbst bezahlen. Sie erzählt vom «Negerdorf» auf der (damals noch freien) Wiese im Letzigrund im Sommer 1925; auch hier kam es, diesmal wegen Vitaminmangels, zu Todesfällen. Sie erzählt davon, dass nicht alles schlecht war und nicht nur so manches Schulkind, sondern auch gebildete Bürger aus der Erfahrung mit dem anderen, Fremden lernten.

Durchaus unterhaltend

Mit Leichtigkeit, aber nicht leichten Sinns und Herzens zieht die Leserin all diese Parallelen: weil das, was in Rea Brändles Buch so spannend und durchaus unterhaltend dargelegt wird, mitunter auch so empörend ist.

Irgendwie muss dieses koloniale, sprich ausbeuterische Verhalten gegenüber anderen, weniger Mächtigen zur Menschheit gehören. Selbst wenn es sich «nur» als Gedankenlosigkeit, als Gleichgültigkeit manifestiert.