Tourismuskonzept
Zürcher vermieten Wohnungen immer öfters an Touristen

Sharing-Konzepte sind in aller Munde. Auch in Zürich stellen Einheimische Reisenden immer öfters gegen Bezahlung ihre Wohnung oder einzelne Zimmer zur Verfügung. Bereits über 700 Zürcher und Zürcherinnen machen mit.

Sophie Rüesch
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Limmatstadt

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Keystone

Das Geschäftsmodell von «Airbnb» ist einfach: Einheimische stellen Reisenden gegen Bezahlung ihre Wohnung oder einzelne Zimmer zur Verfügung, die Gäste mieten die Unterkunft für einige Tage. Mittels Bewertungssystem wird in der Community die Qualität gewährleistet und am Ende sieht es so aus, als würden alle Beteiligten profitieren: die Reisenden von der Ortskenntnis der Gastgeber und in der Regel tieferen Zimmerpreisen als in einem Hotel, die Gastgeber von einem finanziellen Zustupf. Und «Airbnb» verdient pro Vermittlung 10 Prozent des vereinbarten Preises.

Zürich Tourismus begrüsst «Airbnb»

In Zürich sollen allen Touristen, unabhängig von der Kaufkraft, attraktive Angebote zur Verfügung stehen - so der Tenor bei Zürich Tourismus. Die Organisation begrüsst Plattformen wie «Airbnb», weil die klassische Hotellerie ergänzende Angebote mehr und vor allem neue Gäste nach Zürich bringen. «Dies wirkt sich folglich positiv auf die touristische Wertschöpfung aus», so Christian Trottmann, Leiter Kommunikation bei Zürich Tourismus. Ob die «Airbnb»-Nutzer der Hotellerie die Kunden wegschnappen, könne man noch nicht beurteilen: «Weil diese Plattformen noch sehr jung sind, kann Zürich Tourismus im Moment keine Angaben zu relevanten Veränderungen machen», so Trottmann.

300 000 Unterkünfte in 35 000 Städten

Mit diesem Konzept hat die Firma, die 2008 in San Francisco gegründet wurde, offensichtlich den Nerv der Zeit getroffen. Täglich schiessen neue Standorte aus dem Boden, mittlerweile werden in über 35 000 Städten mehr als 300 000 Unterkünfte angeboten. Mit über 10 Millionen gebuchten Nächten kann sich das Unternehmen brüsten, und der Zuwachs bricht nicht ab. Auch in der Schweiz legt das Geschäft zurzeit massiv zu. Gegenüber dem Vorjahr wuchs die Anzahl der «Airbnb»-Gäste in der Schweiz 2012 um 314 Prozent, wie das Unternehmen auf Anfrage mitteilt. Spitzenreiter mit den meisten gebuchten Nächten ist Zürich. Dort gibt es heute rund 700 «Airbnb»-Gastgeber, die Zimmer und Wohnungen zu Tagespreisen, die sich zwischen 20 und 500 Franken bewegen, anbieten.

Im Prinzip handelt es sich um das gleiche Konzept, auf dem auch «Couchsurfing» beruht - mit dem kleinen Unterschied, dass «Airbnb» kommerziell funktioniert. Bei beiden Portalen wird der interkulturelle Austausch grossgeschrieben: Einheimische sollen ihren Gästen die Stadt aus der Insider-Perspektive näherbringen, im Gegenzug sollen die Gastgeber in ihren eigenen Ferien vom selben Angebot profitieren können. Doch anders als bei seinem Gratis-Vorläufer liegt der Anreiz bei «Airbnb» bei Gast wie auch Gastgeber im Versprechen, etwas Geld zu sparen. Und wie immer, wenn Geld im Spiel ist, wird alles ein wenig komplizierter.

Hart umkämpftes Nebengeschäft

Angesichts des hart umkämpften Wohnungsmarktes und steigenden Mieten scheint es verständlich, dass Zürcherinnen und Zürcher sich durch eine temporäre Untervermietung einen kleinen Mietzustupf erwirtschaften wollen. Auch Felicitas Huggenberger, Geschäftsleiterin des Zürcher Mieterinnen- und Mieterverbands, kann den Reiz des Nebenbeigeschäfts nachvollziehen - jedoch nur, solange sich der Mieter kein goldenes Näschen damit verdient. «Man darf schon ein Entgelt verlangen, aber der Profit darf nicht horrend sein», so Huggenberger.

Konkret heisse das, dass alle Preise, die den auf einen Tag heruntergebrochenen Mietzins überschreiten, gerechtfertigt sein müssen, zum Beispiel über Möbelamortisation oder Reinigungskosten. «Stossend» findet sie es, wenn Preise verlangt werden, die weit darüber hinaus gehen. «Damit nutzt man auch die Notlage der Touristen aus, für die Zürich ja ein genauso teures Pflaster ist wie für die Einwohner.»

Zudem müssten «Airbnb»-Anbieter, genau wie im Fall einer Untervermietung, ihren Vermieter über das Geschehen informieren. Dass eine temporäre Untervermietung via «Airbnb» zu Streitigkeiten zwischen Mieter und Vermieter geführt hat, hat Huggenberger bis anhin jedoch noch nie erlebt. «Wir hatten aber schon Anfragen, ob es mietrechtliche Probleme geben könnte.»

Zwischen Untermiete und Hotelbetrieb

Und tatsächlich gibt es für einen «Airbnb»-Anbieter jede Menge mietrechtliche Fettnäpfchen. Besonders ein Anbieter mit überrissenen Preisen betritt legales Glatteis: «Dem Mieter könnte die Wohnung gekündet werden, wenn dieser mit dem Eigentum des Vermieters Profit macht», so Huggenberger.

Dies zumindest sieht das Gesetz im Fall einer Untervermietung vor. Doch das Angebot von «Airbnb» bewegt sich - irgendwo zwischen Untermiete, Ferienwohnung und Hotelbetrieb - in einer rechtlichen Grauzone. Ob die Angebote von «Airbnb» tatsächlich analog zu einer Untermiete zu betrachten sind, können nicht einmal Experten genau beantworten. «Es gibt unseres Wissens noch keinen Entscheid zu einem Fall betreffend ‹Airbnb› - das ist noch rechtliches Neuland», sagt Cornel Tanno, Leiter Rechtsberatung und Prozessführung beim Zürcher Hauseigentümerverband (HEV).

Auch im Fall von Preisen, die dem prozentualen Mietpreisanteil und allfälligen Zusatzleistungen entsprechen, müssen die Anbieter gewisse Regeln beachten. «Grundsätzlich muss ein Mieter die Wohnung so nutzen, wie es per Mietvertrag vereinbart ist», sagt Albert Leiser, Direktor des HEV Zürich. Für eine Untermiete, auch für eine temporäre, sei zudem zwingend eine schriftliche Zustimmung des Vermieters einzuholen. «Der Vermieter müsste über jeden einzelnen Gast in Kenntnis gesetzt werden», so Tanno. Zudem muss gewährleistet sein, dass die Gäste die Hausordnung nicht verletzen.

Einkünfte müssen versteuert werden

Hinzu kommt, dass jegliche Einkünfte, die ein Anbieter erwirtschaftet, versteuert werden müssten. «Sowohl Einkünfte aus der Vermietung einer eigenen Liegenschaft - oder Teilen davon, wie ein Zimmer - als auch Einkünfte aus Untervermietung sind steuerbar», sagt Roger Keller, Kommunikationsbeauftragter der kantonalen Finanzdirektion. Erleichterungen könnten höchstens bei der Vermietung von möblierten Zimmern geltend gemacht werden: In diesem Fall dürfen pauschal 20 Prozent für die Wartungs- und Mobiliarunterhaltskosten abgezogen werden.

Mit dem konkreten Fall «Airbnb» hat jedoch auch das Steueramt noch keine Erfahrungen gemacht. Dies auch, weil es keinerlei statistische Angaben über Arten von Einkünften und Abzügen gibt. «Die Vermietung von Zimmern ist immer wieder ein Thema», so Keller, «bisher jedoch weniger Bed-and-Breakfast-Angebote.»

Gastgeber sind nicht informiert

Auf ihrer Website macht «Airbnb» die Gastgeber zwar darauf aufmerksam, dass sie vorgängig lokale Vorschriften abzuklären hätten. Ob dies jedoch auch gemacht wird, ist fraglich. Über die in der Schweiz geltenden miet- und steuerrechtlichen Pflichten sind wohl die wenigsten «Airbnb»-Gastgeber tatsächlich informiert.

«Ich habe keine Ahnung, was es rechtlich zu beachten gibt», sagt zum Beispiel Selina*, die regelmässig über «Airbnb» ihre Wohnung in der Innenstadt vermietet. Sie und ihr Freund - auch er ein Anbieter - hätten auf diese Art bereits fast 30 000 Dollar erwirtschaftet, zählt man die bestätigten Buchungen bis Ende Jahr mit. Versteuert hätten sie dieses Einkommen aber nicht. Auch der Vermieter des Freundes sei nicht informiert. Da Selinas Wohnung ihrer Mutter gehört, stellt sich diese Frage in ihrem Fall nicht.

Eines ist für Selina klar: «Ich mache rein wegen des Geldes mit. Ein Austausch findet nicht statt, ich bin während einer Buchung ja gar nie in der Wohnung.» Sie und ihr Freund bieten ihre Wohnung sporadisch an - je nachdem, wie viel Geld sie brauchen. Weil sie nicht zusammen wohnen, könnten sie theoretisch dauerhaft eine der beiden Wohnungen vermieten und während eines Gastaufenthalts jeweils beim anderen übernachten.

«Schöne soziale Abwechslung»

Mit dem Geld würden sie sich hauptsächlich ihre Ferien finanzieren; Ferien, während denen es sie manchmal auch in eine «Airbnb»-Unterkunft verschlägt. «Besonders für Städtereisen hat «Airbnb» gute Angebote», so Selina. Sie findet auch nicht, dass die Touristen, die bei ihr übernachten, ausgenutzt werden. «Sie können von einer komplett eingerichteten Wohnung an bester Lage profitieren.» Und auch wenn ihr Tagespreis nicht dem prozentualen Mietwert entspricht, kämen sie immer noch viel billiger davon, «als wenn sie für 150 Franken ins Hotel gehen, wo sie in einem kleinen, dunklen Zimmerchen übernachten».

Eine weitere Anbieterin, Lisa*, schätzt zwar den Kontakt mit ihren Gästen, die sie in einem Zimmer in ihrer Wohnung im Kreis 5 - «anfangs sporadisch, seit meiner letzten Steuerrechnung etwas häufiger» - beherbergt. Es sei «eine schöne soziale Abwechslung», ohne gleich permanent in einer WG-Situation leben zu müssen. «Es bleibt meine Wohnung und ich kann alleine sein, wann ich will», sagt sie. Doch auch sie ist «froh, so einfacher die Miete bezahlen zu können».
*Namen von der Redaktion geändert