Langsamer
Zürcher Trams: Weniger Haltestellen für kürzere Fahrzeiten?

Die Fahrzeiten werden länger – ein Gemeinderat regt nun weniger Haltestellen an

Oliver Graf
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Er verkehrt langsamer als vor 20 Jahren: Der öffentliche Verkehr in der Stadt Zürich wird durch Staus, Tempo-30-Zonen und mehr Passagiere ausgebremst. KEYSTONE

Er verkehrt langsamer als vor 20 Jahren: Der öffentliche Verkehr in der Stadt Zürich wird durch Staus, Tempo-30-Zonen und mehr Passagiere ausgebremst. KEYSTONE

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Der öffentliche Verkehr im Raum Zürich gilt eigentlich als vorbildlich. Doch die Fahrzeiten werden nicht mehr kürzer – sie werden, unter anderem wegen der steigenden Passagierzahlen und der damit verbundenen längeren Haltezeiten, sogar länger.

Bereits vor zwei Jahren ergab eine Erhebung der Verkehrsbetriebe Zürich (VBZ), dass ihre blauen Trams im Durchschnitt nur noch mit 16 Kilometern pro Stunde unterwegs sind. In Basel und Bern wurde für die Trams ein leicht höheres durchschnittliches Tempo gemessen (16,3 beziehungsweise 17 km/h), wie es 20 Jahre zuvor auch in Zürich die Regel war. Ein paar hämische Presseartikel waren die Folge («sogar die Berner sind schneller»).

«Der öffentliche Verkehr wird immer langsamer», hält nun SP-Gemeinderat Jörg Käppeli in einer Anfrage fest. Damit verlören Bus und Tram ihre frühere Vorreiterrolle. «Die Reisezeiten werden länger – die Attraktivität nimmt ab.» Käppeli fordert «griffige Massnahmen»; und er fragt den Stadtrat an, ob die «Ursachen der Verlangsamung eindeutig bezeichnet und quantifiziert werden» könnten.

In einer zweiten Anfrage regt er beim Stadtrat eine Überprüfung der Tram- und Bushaltestellen an. «Die tiefen durchschnittlichen Geschwindigkeiten resultieren zum Teil aus den geringen Haltestellenabständen.» Eine Vergrösserung der Abstände – und damit auch die Aufhebung einzelner Haltestellen – könnte man deshalb doch ins Auge fassen, meint der SP-Gemeinderat. Und er fordert unter anderem eine Auflistung der 20 kürzesten Haltestellenabstände.

Fahrt dauert 15 Minuten länger

Ginge es auf einer Linie schneller voran, könnten allenfalls Fahrzeuge und Personal eingespart werden, hält Käppeli fest. Oder, noch besser: «Es könnte mit den eingesparten Mitteln das Fahrplanangebot ausgebaut werden.»

Die VBZ sind in den vergangenen Jahren in der Tat langsamer geworden – damit aber auch wieder pünktlicher. Ein Blick auf den Fahrplan zeigt: Heute brauchen die Verkehrsbetriebe in der Spitzenstunde im Vergleich zu 1989 genau eine Viertelstunde länger, um alle Tramlinien fahrplanmässig einmal abzufahren. Die Neubaustrecken – etwa die Verlängerung der Linie 11 bis zur Messe Oerlikon oder das Tram Zürich-West – sind da, um den Vergleich zu ermöglichen, natürlich nicht einberechnet.

Der Fahrplan ist bewusst verlangsamt worden. Denn insbesondere auf den Hauptachsen hat der Verkehr in den vergangenen Jahren zugenommen. Staus auf den Strassen, mehr ein- und aussteigende Personen: Dies führte zu Verspätungen.

Damit die Trams und Busse wieder pünktlich sind, wurden die Fahrzeiten angepasst, wie die VBZ auf Anfrage mitteilten. Das heisst, es wurden – wie dies auch auf den Fahrplanwechsel im Dezember bei vereinzelten Linien der S-Bahn vorgesehen ist – die Zeittabellen an die Realität angepasst.

Das Tempo bleibt ein Thema

Der Stadtrat wird die beiden Anfragen nun bis Mitte September beantworten. Die VBZ wollen diesen Antworten nicht vorgreifen. Das Tempo Geschwindigkeit beschäftigt die Stadtzürcher Verkehrsbetriebe aber seit längerem. So setzt ihnen etwa die Einführung von Tempo-30-Zonen zu: Durch die tieferen Geschwindigkeiten würden Auto und Velo attraktiver, sagte ein VBZ-Vertreter im vergangenen Oktober an einer Tagung der schweizerischen Verkehrsingenieure. Denn der Vorteil der schnelleren Fahrzeit gehe verloren; der Velofahrer hole auf, der Autofahrer könne auf andere Routen ausweichen. Tempo-30-Zonen sollten deshalb nur auf kurzen Busstrecken eingeführt werden. Zudem sollten die dadurch entstehenden Fahrzeitverluste unter anderem durch intelligente Lichtsignalanlagen oder separate Busspuren kompensiert werden, lautete die Bilanz.

Auch wenn die VBZ zu den beiden Anfragen noch nicht konkret Stellung nehmen können: Klar ist, dass die VBZ, wo immer möglich, auf Eigentrassen setzen. «Das ermöglicht das Fahren höherer Geschwindigkeiten und minimiert Friktionen mit den übrigen Verkehrsteilnehmern.»