Tierschutz
Zürcher Tierärzte fordern Kastrationspflicht für Katzen

In Österreich und in Teilen Deutschlands gibt es sie bereits: die Kastrationspflicht für freilaufende Katzen. Jetzt machen sich auch Zürcher Tierärzte für ein Obligatorium stark. Die Kantonstierärztin lehnt die Forderung jedoch ab.

Thomas Münzel
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Verwilderte Katzen vermehren sich oft explosionsartig: Tierärzte gehen deshalb jetzt in die Offensive.

Verwilderte Katzen vermehren sich oft explosionsartig: Tierärzte gehen deshalb jetzt in die Offensive.

NetAP

Tierarzt Enrico Clavadetscher kennt das Problem aus seiner Praxis. «Ich kann aus eigener Erfahrung bestätigen, dass wir auch im Kanton Zürich mit einem grossen Katzenleid konfrontiert sind.» Regelmässig kastriert der frühere Präsident der Gesellschaft Zürcher Tierärzte (GZT) verwilderte oder nicht betreute Katzen in seiner Kleintierklinik. «Teilweise sind das Gruppen von bis zu 40 Tieren.» Nach der Kastration gehe es den Tieren innert weniger Wochen sehr oft merklich besser, «weil sie sich endlich um sich selbst kümmern können und nicht mehr versuchen müssen, den Nachwuchs irgendwie durchzubringen».

Vor diesem Hintergrund erachtet Clavadetscher eine Kastrationspflicht für freilaufende Katzen im Kanton Zürich als «einzige nachhaltige und tiergerechte Lösung, um dieses Problem in den Griff zu bekommen». Mögliche rechtliche Probleme bei der Umsetzung der Kastrationspflicht sieht er nicht. «Allfällige Einzelinteressen müssten ohnehin hinter das deutlich überwiegende öffentliche Interesse zurücktreten.»

Unterstützung erhält Clavadetscher unter anderem auch vom amtierenden GZT-Präsidenten Nico Kipfer. «Ich würde es sehr begrüssen, wenn man im Kanton Zürich eine Kastrationspflicht für freilaufende Katzen einführen würde.» Denn die Zunahme von herrenlosen Katzen sei enorm und stelle ein grosses Problem dar, sagt Kipfer. «Im Unterschied zu verwilderten Hunden, bekommt die Öffentlichkeit die scheuen Tiere jedoch oft kaum zu Gesicht und nimmt deshalb auch das Ausmass des Problems kaum wahr.»

Unkontrollierte Population

«Jede freilaufende Katze, die nicht kastriert ist, hat früher oder später Junge», hält der Tierarzt aus Egg fest. Die Realität zeige aber, dass längst nicht alle Jungtiere einen neuen Besitzer finden würden – und so bestehe immer wieder die Gefahr, dass die Katzenpopulation weiterhin unkontrolliert ansteige. Gar eine schweizweite Kastrationspflicht für alle freilaufenden Katzen, fordert die Juristin Esther Geisser, Präsidentin und Gründerin der Tierschutzorganisation NetAP (Network for Animal Protection), mit Sitz in Esslingen. «Der Kanton Zürich sollte aber mit gutem Beispiel vorangehen und eine solche einführen.»

Als einzige Organisation in der Schweiz führt NetAP auch Massenkastrationen vor Ort durch. «Es werden teilweise über 200 verwilderte Katzen an einem einzigen Wochenende eingefangen und kastriert», sagt Geisser. «All dies ist nur möglich, weil zahlreiche Schweizer Tierärzte die grosse Not erkannt haben und nun eng mit uns zusammenarbeiten.» Man stelle zudem fest, dass immer mehr Leute ihre Katzen weder kastrieren noch impfen. «Dabei stehen alle Privatpersonen in der Pflicht, es geht nicht nur um die Landwirte», meint Geisser.

Eine Kastrationspflicht hätte aus ihrer Sicht nur Vorteile: «Katzenfreunde freuen sich über weniger Katzenleid, Katzengegner über weniger Katzen.» Aber auch für die Katzen selber hätte ein Obligatorium ausschliesslich Vorzüge: «Gewisse Krebsarten fallen weg, es gäbe keine Gebärmuttervereiterungen, weniger sexuell übertragbare Krankheiten und weniger Kampfverletzungen.»

Auch die Stiftung für das Tier im Recht (TIR) unterstützt das Anliegen der Tierärzte und der Tierschützer. «Die Kastration von Freigänger-Katzen erachten wir als durchaus zumutbare Massnahme für den Tierhalter, um seiner Pflicht, wonach er dafür zu sorgen hat, dass sich seine Tiere nicht unkontrolliert vermehren, nachzukommen», sagt Rechtsanwältin Christine Künzli, stellvertretende TIR-Geschäftsleiterin. Freigänger-Katzen sollten deshalb «grundsätzlich kastriert werden, sofern sich der Kontakt zwischen paarungsbereiten Tieren nicht anderweitig vermeiden lässt».

In diesem Zusammenhang erachtet Künzli denn auch eine Chip- beziehungsweise eine Registrationspflicht «auf jeden Fall» als sinnvoll. «Die Identifizierung des einzelnen Tieres, die hierdurch ermöglicht wird, fördert insbesondere auf Bauernhöfen die Wahrnehmung von Tieren als Individuen.»

Gegen ein Obligatorium

Die Zürcher Kantonstierärztin Regula Vogel kann sich hingegen weder für eine Kastrations- noch für eine Chippflicht erwärmen. Obwohl sie persönlich ihre eigenen Katzen kastriere, erachte sie als Kantonstierärztin «ein Kastrationsobligatorium als nicht angezeigt». Denn: «Ein Obligatorium wäre ein recht starker Eingriff in die private Tierhaltung und würde auf erheblichen Widerstand stossen.»

Auch die Umsetzung eines Obligatoriums wäre ihrer Ansicht schwierig. «Wie genau wäre der Freigang zu umschreiben? Wie wäre mit nicht kastrierten Katzen, die gut gepflegt und kontrolliert Nachwuchs haben, zu verfahren?», fragt Vogel. «Zusammenfassend wäre das Aufwand-Nutzen-Verhältnis nicht gegeben.»

Obschon sie das Chippen von Katzen als «sehr empfehlenswert» empfindet, will Vogel auch hier von einem Obligatorium absehen, «da der Überprüfungsaufwand riesig wäre». Doch sie meint auch: «Hypothetisch wäre jedoch eine Chippflicht bei einer Kastrationspflicht in jedem Fall nötig, da man den Weibchen nicht ansieht, ob sie kastriert sind.»